ALEXANDER DI CAPRI

2004

 
 

Alexander di Capri gehört zum Hamburger Ensemble von „Tanz der Vampire“ und steht als Zweitbesetzung des Grafen von Krolock auf der Bühne. Michaela Flint hat mit ihm über die Vor- und Nachteile einer Zweitbesetzung, Auditions und seine vielfältigen ‚außer-vampirischen’ Aktivitäten gesprochen.


Michaela Flint: Ist der Aufwand für einen Cover größer als für die eigentliche Erstbesetzung? Immerhin muss man mindestens zwei, manchmal auch drei, Rollen einstudieren.


Alexander di Capri: Wenn man in einer Produktion zwei bis drei Rollen regelmäßig spielt, ist das kein Problem. Man kann sich gut einspielen und seine Parts verinnerlichen. Viel schwieriger ist es, wenn man eine Ensemblerolle hat und nur einmal Monat oder noch seltener die Zweitbesetzung spielt. Es viele musikalische und szenische Kleinigkeiten, die man sich vorher noch mal anschauen muss, damit man richtig im Licht steht o. ä. Ich komme hier leider sehr selten dazu, den Graf von Krolock zu spielen. Ob das für mich zu wenig ist, muss ich mit mir selbst ausmachen; aber ich wusste das vorher. Gerade deshalb ist es für mich so wichtig, möglichst viel neben dem eigentlichen Job im Theater zu machen. Dazu gehören Workshops an der ‚Stage School of Music, Dance and Drama’, ich nehme u. a. Interpretations-Unterricht bei John Lehman und Schauspielunterricht bei Dr. Antlitz, wirke auf Galakonzerten mit usw.
Der Vorteil an dieser Konstellation ist, dass ich lerne, dass mein Theater-Engagement nicht das wichtigste ist. Früher in Stuttgart und Duisburg habe ich nur für das Theater gelebt. Ich bin nur ins Theater gefahren, um meine Rollen zu spielen und habe nebenher nichts weiter gemacht.


Michaela Flint: Woher nehmen Sie die Kraft für diese vielen Aktivitäten? Bleibt da überhaupt noch Zeit für Privatleben und Hobbies?


Alexander di Capri:  Ehrlich gesagt nein. Es klingt ein bisschen seltsam, aber ich lebe im Moment nur für meinen Beruf. Ich habe von Natur aus

Tanz der Vampire - immer und immer wieder!

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sehr viel Energie, trainiere jeden Tag und halte mich mit Joggen fit. Darüber hinaus bleibt kaum Zeit für andere richtige Hobbies. Aber solange ich jung bin und mich gut dabei fühle…
Wichtig ist, dass ich mich in meinem gewohnten Umfeld bewege. In einer anderen Stadt hätte ich dieses Engagement nicht angenommen.

 

Michaela Flint: Demnach stellt ein möglicher Ortswechsel eher eine Belastung für Sie dar?


Alexander di Capri: Früher hat mir das nicht so viel ausgemacht, aber inzwischen brauche ich meine feste Basis, zu der ich immer wieder zurückkomme.
Neue Städte kennen zu lernen ist cool, aber nur für eine gewisse Zeit. Es ist unheimlich schwer, Freundschaften geschweige denn Partnerschaften aufzubauen, wenn man nur für ein paar Monate an einem Standort spielt. Ich kann jede Frau verstehen, die nicht bereit ist, tiefe Gefühle in eine von vornherein zeitlich und örtlich begrenzte Partnerschaft zu investieren. Vor einem Jahr habe ich in Kroatien Maja kennen gelernt, mit der ich gern eine echte Beziehung aufbauen würde. Aber aufgrund der Distanz und meiner dauernd wechselnden Engagements war das bisher nicht möglich.
Der Vorteil an meinem Job in der Neuen Flora ist, dass ich mich in Hamburg genau auskenne und weiß wo ich mich abends mit meinen Freunden, von denen viele nichts mit der Theaterbranche zu tun haben, treffe.


Michaela Flint: Warum haben Sie sich erneut für „Tanz der Vampire“ entschieden? Sie hatten in diesem Musical doch schon zwei Jahre in Stuttgart gespielt.


Alexander di Capri: Nach dem Ende von „Mozart!“ im Juni 2002 habe ich erstmal eine lange Auszeit genommen. Ich habe mich gefragt, ob es das ist, was ich von meinem Leben erwarte. Wollte ich wirklich weiterhin achtmal pro Woche auf einer Bühne stehen? Die stimmlichen und körperlichen Belastungen sind sehr hoch und unglaublich Kräfte zehrend.
Hinzu kommt, dass es in Deutschland sehr schwer ist, an Hauptrollen heranzukommen. Und mit fast 30 Jahren, wollte ich mich langsam in diese Richtung positionieren.
Mittelfristig sehe ich mich eher im Schauspielbereich, sei es nun Fernsehen oder Theater, als auf einer Musicalbühne. Das Musical-Business ist in den letzten Jahren sehr viel schnelllebiger geworden und da ist es für mich ganz wichtig, ein zweites Standbein zu haben. Ich möchte nicht irgendwann zu denen gehören, die aus Angst arbeitslos zu sein, irgendein Engagement annehmen, hinter dem sie nicht vollkommen stehen.
Das Engagement an der Neuen Flora lässt sich perfekt mit meinen Schauspiel-Aktivitäten verbinden. Außerdem hat mich das Stück auch wieder gereizt.


Michaela Flint: Was genau ist für Sie das Besondere an „Tanz der Vampire“?


Alexander di Capri: „Tanz der Vampire“ lebt ganz entschieden von der Energie der Darsteller auf der Bühne. Wenn hier jemand auf Sparflamme tanzen, spielen oder singen würde, würde der Wert des Musicals extrem darunter leiden.
Eine Show ist für mich dann besonders interessant, wenn ich erlebe, dass Menschen, die – im Unterschied zu richtigen Fans – keine ‚persönliche’ Beziehung zu einem Darsteller oder einem Stück aufgebaut haben, immer wieder kommen, um einfach einen schönen Abend zu haben. Gerade die Neue Flora mit ihren 2000 Plätzen lebt von diesen Menschen, die sich von der Energie auf der Bühne mitreißen lassen.


Michaela Flint: Fast zeitgleich zu den „Tanz der Vampire“-Auditions fand auch das Casting für „Les Misérables“ in Berlin statt. Hätte es Sie nicht auch interessiert, im Theater des Westens zu spielen?


Alexander di Capri: Tatsächlich wurde ich zum Vorsingen nach Berlin eingeladen. Ich hatte mich auf die Studentenrollen von Marius oder Enjolras vorbereitet und war sehr überrascht als der Regisseur mir sagte, dass sich dafür zu alt sei. Stattdessen wollte er mich gern für den Part des Jean Valjean hören. Bisher hatte ich mich in dieser Rolle nicht gesehen und fand mich auch noch zu jung für einen Mann, der nach 19 Jahren Gefängnis alle Stufen des Alterns bis zu seinem Tod durchlebt. Für meine Begriffe habe ich die schauspielerische Tiefe für diese Figur noch nicht erreicht.
Dennoch habe ich mich intensiv auf dieses Vorsingen vorbereitet. Nach einer Dreiviertelstunde rief der Regisseur mich zu sich und eröffnete mir, dass ich all das hätte, was für die Rolle von Jean Valjean wichtig und notwendig ist. Aber leider sei ich noch etwas zu jung. Das war eine herbe Enttäuschung für mich, aber ich hatte das ja befürchtet.

 

Michaela Flint: Könnte man sagen, dass der Graf von Krolock Ihre Traumrolle ist?


Alexander di Capri: Ja, der Graf ist sicherlich eine meiner Traumrollen. Es ist eine ganz besondere Rolle, weil sie einerseits fiktiv ist, aber andererseits viel von mir hat. Der Graf strahlt Ruhe aus, hat aber ein spezielle Energie, Probleme anzugehen. Er tritt mit einer unglaublichen Selbstsicherheit auf. Und so bin auch. Der Graf behält viel von seiner Energie für sich und dennoch zieht er das Publikum in seinen Bann.
Abgesehen vom Grafen finde ich Jekyll & Hyde sehr spannend. Ich habe die Show vor ein paar Jahren in New York gesehen und bin von dem Hauptdarsteller schlichtweg begeistert. Anthony Warlow hat die beiden Rollen stimmlich so brillant auseinander gehalten, dass man meinte, man würde ein Playback hören. Dazu hat er unglaublich gut gespielt. Gerade das macht diese Rolle aus: Man muss Gesang und Schauspiel so vereinen, dass keine Seite zu kurz kommt. Wenn man das schafft, dann gehört man zur Crème-de-la-Crème.
Beim Grafen kann man sich mehr auf sein Schauspiel konzentrieren, da die Stimmlage fast immer gleich bleibt.


Michaela Flint: Worauf legen Sie bei Ihrer Interpretation des Grafen von Krolock das Hauptaugenmerk?


Alexander di Capri: Ich hatte in Stuttgart das Glück mit Roman Polanski direkt zu arbeiten, da Charles Fornara, der den Grafen neben Kevin Tarte alternierend spielen sollte, krank wurde. Dadurch habe ich sehr viel persönlich von Roman Polanski mitbekommen, wie diese Rolle anzusetzen ist. Er hat zu mir gesagt, dass ich nicht vorgeben solle, ein Vampirgraf zu sein, sondern dass ich es sein muss. Die Energie hierfür muss gebündelt werden und darf sich nicht in alle Richtungen verstreuen. So wie bei Steve Barton: Er stand auf der Bühne und ich dachte nur ‚Wow!’ Wenn man das über einen Menschen sagen kann, zu dem man keine persönliche Beziehung hat, hat dieser seinen Bühnenpart absolut erfüllt.


Michaela Flint: Wie viel Gestaltungsfreiraum hat man Ihnen in Hamburg gelassen?


Alexander di Capri: Als ich die Rolle einstudiert habe, habe ich dem Künstlerischen Leiter Sebastian Hund meine Version des Grafen gezeigt und er fand meine Anlegung der Rolle gut. Er hat nicht gesagt: ‚Mach das so wie Thomas’ – er ist ja auch ein ganz andere Typ als ich, sondern mich bestärkt, bei meiner Interpretation zu bleiben.
Ich liebe Darsteller, die auf der Bühne immer wieder was Neues machen und nicht jede Show wie auf Knopfdruck abspulen. Das habe ich auch bei „Mozart!“ so geliebt: Yngve Gasoy-Romdal und ich haben immer mal wieder Kleinigkeiten variiert. Genau dadurch hat das ganze gelebt. Und das hat das Publikum gespürt!
Diese Flexibilität ist für mich darstellende Kunst.


Michaela Flint: Wie sehen Ihre Pläne für die kommenden Monate aus?


Alexander di Capri: Im Mai bin ich mit Karin Seyfried auf einer Gala von John Lehman in der Nähe von Stuttgart. Im Sommer werde ich wieder Workshops an der Stage School geben und für den Oktober steht ein Konzert mit Anne Welte & Friends auf dem Plan. Außerdem werde ich im Spätsommer bei einem Theaterstück im ‚Theater im Zimmer’ in Hamburg mitwirken. Der Produzent hat mich angesprochen, ob ich mitmachen möchte und ich fühle mich sehr geehrt, da als weitere Schauspieler für dieses Stück Namen wie Heiner Lauterbach oder Klaus-Maria Brandauer im Gespräch sind.


Michaela Flint: Herr di Capri, vielen Dank für dieses offene Gespräch. Für Ihre Projekte drücken wir Ihnen die Daumen und wünschen Ihnen viel Erfolg!


Mehr Informationen unter www.alexanderdicapri.de

Michaela Flint

veröffentlicht in blickpunkt musical

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