ALMA und das Genie

2016

 
 

Haben Sie schon einmal etwas von Alma Mahler-Werfel gehört? Diese Dame hat der deutschsprachigen Kunstszene Ende des 19. und im 20. Jahrhundert gehörig den Kopf verdreht. Ihr Leben und Wirken ist durchaus bemerkenswert.


Die Tochter des Malers Emil Jakob Schindler entdeckte schon früh, dass Künstler in ihrem Umfeld eine Muse (in vielen Fällen auch deutlich mehr) in ihr sahen. Über ihren Vater und insbesondere den Liebhaber ihrer Mutter (Carl Moll) lernte sie viele namhafte Kunstschaffenden des beginnenden 20. Jahrhunderts kennen: Gustav Mahler (Komponist), Walter Gropius (Architekt) und Franz Werfel (Dichter) waren ihre Ehemänner, Gustav Klimt (Maler) verfiel ihrer Jugendlichkeit. Liebschaften hatte sie mit Oskar Kokoschka (Maler) und Hans Pfitzner (Komponist), um nur zwei zu nennen; und auch mit Gropius hatte sie eine lange Affäre, bevor sie ihn heiratete.


Ihre Mutter nahm es mit der ehelichen Treue nicht so genau, und obwohl Alma dieses Verhalten zutiefst verabscheute, zieht sich Untreue wie ein roter Faden durch ihr Leben. Ihr Lebenswandel stieß daher nicht überall

Was für eine Frau!!!

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auf Wohlwollen, doch darum scherte sich die selbstbewusste Alma nicht.


Diese Biographie liefert viel Stoff für Bücher, Filme und auch Musicals. Kann man doch herrlich kontrovers über schlüpfrige Details berichten und hinter die Kulissen der sagenumwobenen Künstlerwelt blicken. Auch der Blick hinter die scheinbar so starke Fassade der Alma Mahler-Werfel lohnt sich.


Tom van Hasselt hat mit „Alma und das Genie“ im letzten Jahr ein weiteres Musical über diese streitbare Persönlichkeit geschrieben. Das besondere daran: Er selbst übernimmt neben der musikalischen Begleitung sämtliche männliche Rollen. Als exzentrische Alma ist Nini Stadlmann zu erleben.


Auf der Bühne steht nehmen dem Klavier nur ein Barhocker und ein Tisch mit den vier großen Holzbuchstaben A, L, M, A, die im Laufe des Abends zu LAMA oder MALA umgestellt werden – je nach Zusammenhang.


Alma betritt die Bühne in dem Glauben, dass sie dem Publikum ihre wandlungsvolle Lebensgeschichte erzählen soll. Der von ihr kaum gewürdigte Pianist begleitet sie auf ihrer Reise. Sie erzählt vom Klavierlehrer (Alexander von Zemlinsky), der zwar ihr musikalisches Talent nicht zu schätzen weiß, mit dem sie aber trotz seiner abstoßenden, zwergenhaften Gestalt eine Liebesaffäre hat. „Alma Mahler klingt gut“ unterstreicht Almas übersteigerten Anspruch an sich selbst.


Der Zuschauer erfährt, dass eine Ehe von zwei Komponisten (Gustav Mahler und Alma Schindler-Mahler) zwangsläufig im Wettbewerb enden muss. Alma fühlt sich als Künstlerin überhaupt nicht wahrgenommen und kann sich auch in der Rolle als Ehefrau und Mutter nicht verwirklichen.


Der Tod der ersten gemeinsamen Tochter Maria ist für Alma ein großer Schicksalsschlag („Meine Maria gehört auf einen Sockel und nicht unter die Erde!“), den sie mit Kuraufenthalten zu kompensieren versucht. Bei einer dieser Kuren lernt sie dann Walter Gropius kennen, mit dem sie zu Lebzeiten Mahlers eine lange Liebschaft hat, diese nach Mahlers Tod aber zunächst beendet, um ihn dann vier Jahre später – in denen sie sich u. a mit Kokoschka verlustiert hat - doch zu heiraten.


Alma betrachtete sich selbst „von hinten als Muse, von vorn als Agentin“. Und da hatte sie mit ihren Männern im Laufe ihres Lebens viel zu tun.


Nini Stadlmann spielt die überspannte Diva sehr gut und herrlich exzentrisch. Tom van Hasselt gibt ihren kriecherischen Counterpart nicht minder glaubwürdig. Sein Tastenspiel ist sehr akzentuiert. Spielend springt er zwischen verschiedenen Stilen wie Chanson, Jazz und Reggae hin und her.


Die Texte sind spitz, ironisch und triefen vor bitterbösen Seitenhieben auf Almas Männer und deren Kunst. Als beispielsweise van Hasselt einwirft, er sei der Autor des Stücks und somit quasi Gott, kontert Stadlmann trocken: „Gott war ein kleiner Aushilfspianist?“ Von diesen Neckereien gibt es unzählige an diesem Abend. Und sie alle zeigen auf, wie sehr Alma von sich selbst überzeugt schien. „Ich werd ewig leben“ wird von Stadlmann folgerichtig auch sehr dramatisch interpretiert. Zugeständnisse wie „Ich wusste nicht, wie lieben geht“ sind eher selten. Doch auch diese weiche Seite kann Stadlmann gekonnt interpretieren.


Dass es sich bei „Alma und das Genie“ um ein satirisches Musical handelt, muss nicht extra betont werden. Van Hasselt und Stadlmann haben das Spiel mit Geringschätzung und vorauseilendem Gehorsam perfektioniert. Sie werfen sich die Bälle gekonnt zu und ihr Timing ist perfekt.


Man kann weniger von einem Musical (ohne Kulissen, Tanz und wechselnden Szenenbildern) als von einer gelungenen musikalischen Satire sprechen. Doch der Unterhaltungsfaktor ist dank der beiden herausragenden Akteure hoch. Da wundert es wenig, dass das erfolgreiche Gastspiel in Hamburg auch auf CD festgehalten wurde.

Michaela Flint