ANDREAS WOLFRAM &

KEVIN KÖHLER

2009

 
 

Seit einem Jahr steht Kevin Köhler, nachdem er der Musical Showstar 2008 wurde, als Rusty im „Starlight Express“ auf der Bühne. Sein eigenes Leben rast wie ein Schnellzug an dem jungen Mann vorbei. Aber die Fröhlichkeit, mit der dieses Energiebündel über die Bühne rollt, zeigt sich auch in unserem Interview.


Michaela Flint: Wie fühlt es sich an als Rusty jeden Abend über die Bühne zu rollen?


Kevin Köhler: Toll. Es ist zwar super anstrengend und ich habe es mir ehrlich gesagt etwas leichter vorgestellt, aber trotzdem komme ich jedes Mal noch motivierter von der Bühne. Ich möchte immer mehr, immer weiter, immer schneller…


Michaela Flint: Wenn Sie auf das letzte Jahr zurückblicken – was hat sich seit dem Sieg beim ZDF Musical Show Star 2008 für Sie alles verändert?


Kevin Köhler: Schon als ich im November 2007 bei „Tanz der Vampire“ als Swing und Cover für Alfred engagiert wurde, quasi direkt aus der Schule heraus, war ich mehr als überrascht. Das ging fast beängstigend schnell. Dass ich dann nur ein halbes Jahr später schon in einer Erstbesetzung und dann auch noch beim „Starlight Express“ auf der Bühne stehen würde, hätte ich nicht zu träumen gewagt. So ganz angekommen, ist das auch heute noch nicht bei mir.


Michaela Flint: Wie sind Sie denn zu diesem TV-Casting gekommen?


Kevin Köhler: Eigentlich wollte ich das gar nicht machen. Ich war ja noch in der Ausbildung und mein Engagement bei „Tanz der Vampire“ hatte auch gerade erst begonnen. Wenn ich vorher gewusst hätte, dass es um die Rolle von Rusty geht, hätte ich mich auch sicherlich nicht beworben.

Starlight Express aus verschiedenen Blickwinkeln

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Ich stand in der Schule schon immer vor den Audition-Zetteln vom „Starlight Express“ und habe mich auch einmal angemeldet. Aber weil ich wusste, dass es eine der härtesten Tanz-Auditions Deutschlands ist, und ich nicht der geborene Tänzer bin, habe ich mich dann doch nicht getraut, hinzugehen. Von daher hat es mich umso mehr überrascht, dass ich den Musical Show Star 2008 gewonnen habe. Damit hätte ich nie und nimmer gerechnet. Aber „Starlight Express“ war immer ein Traum von mir.


Michaela Flint: Aber um beim „Starlight Express“ mithalten zu können, muss man doch sehr fit sein, oder?

Kevin Köhler: Es war schon unterschiedlich. Bei einigen hatte ich es sicherlich etwas schwerer und musste mich beweisen. Aber schon während der Proben haben sie gemerkt, dass ich diese Rolle ausfüllen wollte und es auch wirklich konnte. Insofern war ich schnell ein Teil des Ensembles. Geholfen hat aber auch, dass mit mir zusammen noch 20 weitere Darsteller neu beim „Starlight Express“ angefangen haben, weil zu der Zeit gerade der jährliche Cast-Wechsel war.


Michaela Flint: Sie stehen noch ganz am Anfang Ihrer Karriere und sind jetzt direkt ein paar Treppenstufen hinaufgefallen. Gerade wenn der Karrierestart so rasant ist, macht man sich Gedanken darüber, wie es weitergehen kann?


Kevin Köhler: Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich nicht immer eine Erstbesetzung oder Hauptrolle spielen werde oder will. Erstmal genieße ich die Zeit hier in Bochum. Aber natürlich gehe ich weiter zu Auditions und schaue, was ich machen möchte. Nachdem ich meinen Traum, Rusty im „Starlight Express“ zu spielen, schon im ersten Jahr nach der Ausbildung erreicht habe, wächst in mir der Wunsch, auch mal internationaler zu arbeiten. Das heißt nicht gleich Broadway oder West End, sondern zum Beispiel Holland.


Einer, der es schon in die USA geschafft hat, ist Kevin Köhlers Kollege Andreas Wolfram, der nach zehn Jahren Pause als exzentrische E-Lok Electra zum „Starlight Express“ zurückgekommen ist.


Michaela Flint: Sie waren vor 15 Jahren schon einmal beim „Starlight Express“ und sind 2007 als Electra wieder nach Bochum zurückgekehrt? Warum?


Andreas Wolfram: Ich liebe diese Show und sie hat mir gefehlt. Die zehnjährige Pause war künstlerisch sehr wichtig, aber in den letzten Jahren habe ich gemerkt, dass ich gern wieder auf Rollen dabei sein möchte. Ich habe in mehr als 25 verschiedenen Produktionen mitgespielt und da kommt man zwangsläufig an den Punkt, wo sich die Rollen wiederholen. Und wenn schon Wiederholung, warum dann nicht eine Rolle, die mir richtig Spaß macht?

Kevin Köhler: Ja, als ich letztes Jahr in den ersten Wochen gemerkt habe, dass meine Kondition noch nicht ganz für einen Durchlauf reichte, bin ich täglich zum Theater gejoggt. Außerdem hat Marvin A. Smith, der Tanz Coach der TV Sendung uns auch schon während der Probe zu den Sendungen immer so gedrillt, dass wir immer fitter werden.


Michaela Flint: Gab es Momente, in den Sie gedacht haben, dass Sie die Anforderungen und Hoffnungen nicht erfüllen können?


Kevin Köhler: Es gab sicherlich Situationen, in denen ich oben im Theater stand und dachte ‚Wenn Du das mit dem Bremsen nicht hinbekommst, liegst Du im Publikum.’ Aber das war zum Glück sehr selten. Viel schwieriger war es, die drei Sachen – „Tanz der Vampire“, Schule in Hamburg und Proben in Bochum bzw. für die TV-Show – auf die Reihe zu bekommen. An einigen Tagen habe ich morgens in Bochum geprobt, bin nachmittags nach Berlin geflogen, um dort abends die Show zu spielen und am nächsten Morgen direkt nach Hamburg zur Stage School weiterzufahren. Das war schon hart.


Michaela Flint: Als Sie dann in Bochum angefangen haben, gab es da Vorbehalte von Ihren Kollegen, weil sie als Jung-Darsteller und Gewinner eines Fernseh-Castings, im Prinzip als Seiteneinsteiger, direkt die Rolle von Rusty bekommen haben?

Michaela Flint: Nun gehört „Starlight Express“ aber nicht gerade zu den einfachsten Produktionen, in denen man so nebenbei mitwirken kann…


Andreas Wolfram: Unser Beruf ist insgesamt sehr anstrengend. Aber es gibt wenig Stücke, in denen der Beruf des Musicaldarstellers in seiner Gesamtheit abgefragt wird und „Starlight Express“ gehört dazu, denn hier muss man tanzen, singen und schauspielern gleichzeitig. Die körperliche Fitness spielt hier eine wesentliche Rolle. Darauf kann uns auch keine Ausbildung vorbereiten. Die Rollen im Musicalfach sind so unterschiedlich, die Stücke so verschieden, dass es einfach keine allgemeingültige Ausbildung dafür geben kann. Als Darsteller lernt man seinen Beruf während der proben und auf der Bühne während der Vorstellungen.


Michaela Flint: Sie spielen jedes Jahr in mehreren Stadttheaterproduktionen mit. Wie sind Sie zum Musical gekommen?


Andreas Wolfram: Ich habe eine Musicalausbildung angefangen, aber nach einem Jahr abgebrochen. Danach habe ich acht Jahre am Stück gearbeitet, eine Schauspielausbildung am Conservatorium gemacht und ein Jahr in New York gearbeitet. Seit 2002 bin ich wieder zurück in Deutschland und mache eigentlich von allem ein bisschen: Ich spiele in Musicals, drehe aber auch, synchronisiere usw. Genau diese Vielseitigkeit macht den Beruf für mich aus.

Michaela Flint: Gab es in der Zeit in den USA die Überlegung dort zu bleiben?


Andreas Wolfram: Ja. Wir hatten am Conservatorium ein Showcase und es haben sich sofort zwei Agenten für mich interessiert. Ich habe direkt den Oberon im „Mittsommernachtstraum“ von Shakespeare bekommen und bin auf Tour gewesen. Doch dann kam der private Faktor hinzu; es ging meiner Großmutter nicht so gut und ich merkte, dass dieser Job für mich nur dann funktioniert, wenn ich ihn mit meiner Familie in Einklang bringen kann. Ich habe für mich ganz klar die Entscheidung getroffen, dass es mir nicht darum geht, mich selbst zu verwirklichen. Ich möchte für meine Familie da sein, denn nur dann geht es auch meiner Seele gut.


Michaela Flint: Eine solche bewusste Entscheidung, die Karriere der Familie unterzuordnen, trifft man recht selten in der heutigen Musicalwelt.


Andreas Wolfram: Für mich ist das aber keine Luxus-Einstellung, sondern eine Selbstverständlichkeit. Natürlich kommt diese Erkenntnis meist erst nach einigen Jahren Berufserfahrung. Aber wie sehr eine solche Einstellung auch die Arbeit positiv beeinflussen kann, sieht man jeden Tag auf Deutschlands Musicalbühnen.

In dem Moment, wo sich ein Darsteller mit einer Rolle auseinandergesetzt hat und diese verinnerlicht hat, strahlt er etwas ganz anderes aus. Das Publikum nimmt das wahr und honoriert die Leistung dann auch ganz anders. Aber um diese Selbstsicherheit zu haben, wirklich in einer Rolle aufzugehen, auch mal nur ein Solo im gesamten Stück zu haben oder nicht im Licht zu stehen, muss man mit sich selbst im Reinen sein. Und das ist man meines Erachtens nicht, wenn sich die Welt nur um einen selbst dreht und man alle anderen aussperrt.


Michaela Flint: „Starlight Express“ hat sich in den letzten Jahren sehr weiterentwickelt. Hat sich bei der Rolle von Electra auch viel für Sie verändert?


Andreas Wolfram: Für mich hat sich die größte Veränderung dadurch ergeben, dass ich mehr Routine habe und mich nicht mehr so stresse. Ich gerate nicht in Panik, wenn meine Stimme morgens noch nicht 100%ig funktioniert, sondern weiß, was ich zu tun habe. Es dauert einige Jahre bis man als Bühnenkünstler kontinuierlich ein gleichbleibend gutes Niveau abrufen kann.


Michaela Flint: Können von dieser Erfahrung auch Ihre jüngeren, weniger erfahrenen Kollegen profitieren?


Andreas Wolfram: Ich denke, das ist eine reine Mentalitätssache. Ich habe letztes Jahr mit Ilja Richter bei „Kiss me, Kate“ gespielt. Und wenn man ihn beobachtet und sieht mit wie viel Leidenschaft er bei der Sache ist, merkt man, worauf es ankommt. Ilja Richter ist nun wahrlich keine 21 mehr – und auch die 41 hat er schon deutlich hinter sich gelassen, aber die Spielfreude, die er ausstrahlt, erinnert einen an ein Kind. Das ist der Knackpunkt: Wenn man von dieser Leidenschaft für seinen beruf getrieben wird, dann ergibt sich der Rest fast von selbst. Wenn dieses Feuer irgendwann erlischt, hört die Karriere auch auf.


Michaela Flint: „Starlight Express“ ist unangefochten die erfolgreichste Show in Deutschland. Was macht den Erfolg Ihrer Ansicht nach aus? Warum begeistert gerade dieser 80er Jahre Musical-Klassiker seit 21 Jahren die Zuschauer in Bochum?


Andreas Wolfram: Ich bin nicht wirklich objektiv, aber ich denke, dadurch dass es ein Familienstück ist, wachsen immer wieder neue Zuschauer nach. Inzwischen kommen diejenigen, die „Starlight Express“ Ende der 80er als Kinder gesehen haben mit ihren eigenen Kindern zur Show. Da bei uns so viel passiert, muss man die Show sowieso mehrmals sehen, was auch viele Zuschauer machen. Es wird einfach nicht langweilig, was aber auch daran liegt, dass die Stage Manager uns Darsteller immer wieder auf ein sehr hohes Niveau pushen. Routine darf sich hier nicht einschleichen, denn das würden die Zuschauer auf jeden Fall merken und wäre bei dem Tempo der Show unter Umständen sogar gefährlich.

Außerdem hat „Starlight Express“ eine Message, die jeder versteht: ‚Du kannst alles erreichen, wenn Du an Dich selbst glaubst!’ Und diese Botschaft versteht wirklich jeder.

Michaela Flint

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