BRIGITTE OELKE

2005

 
 

Michaela Flint: Wie fühlt es sich an, jeden Abend die Böse zu sein?


Brigitte Oelke: Total klasse! Die Killer Queen ist eine absolute Traumrolle, denn da kann ich mich austoben. Wenn ich in die lachenden Gesichter der Zuschauer sehe, denke ich, dass sie Spaß dabei haben. Alle Menschen sind irgendwie vom Bösen fasziniert. Mir bereitet es riesige Freude als Killer Queen auf der Bühne zu stehen. Natürlich würde ich auch mal gern die Nette spielen – obwohl Scaramouche auch nicht wirklich das liebe nette Mädchen von nebenan ist.


Michaela Flint: Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle vorbereitet? Haben Sie sich die Show in London angesehen?


Brigitte Oelke: Ich hab die Show vor zwei Jahren in London gesehen. Damals gab es zwar schon Gerüchte, dass „We Will Rock You“ nach Deutschland kommen würde, aber noch nichts Konkretes. Ein Freund hat mir gesagt, ich solle mir die Show ansehen, da dort  eine Rolle für mich drin sei.


Damals konnte ich mir ein Queen-Musical so gar nicht vorstellen… Aber nachdem ich es gesehen hatte, war ich hin und weg. Als ich die Killer Queen gesehen habe, habe ich gleich gedacht: Die Rolle will ich haben. Ich fand das Stück sehr bombastisch und den vier Musikern würdig. Als ich dann die Noten für die Proben zugeschickt bekommen habe, war ich ehrlich etwas schockiert, weil ich dachte, dass man das auf deutsch nicht machen kann. Ich war etwas enttäuscht, aber ich dachte, es ist so, dann machen wir das Beste daraus! Bei den Proben verflogen meine Zweifel dann endgültig. Den Song ‚Killer Queen’ find ich auf deutsch völlig in Ordnung. Von der Handlung (Dramaturgie) her macht es Sinn meine beiden ersten Songs auf Deutsch zu singen. Sicherlich würde ich ‚Play the Game’ lieber auf Englisch singen, aber es ist sehr gut übersetzt worden und passt so wie es ist gut zum Stück.

Die Killer Queen ganz handzahm

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Michaela Flint: Haben Sie für die Sequenzen auf der Videowand speziellen Mimiktraining absolviert?


Brigitte Oelke: Das mit der Videowand ist schon sehr speziell. Vor allem weil es jeden Abend live ist. Als ich de Show damals in London gesehen habe, dachte ich, dass das aufgezeichnet sei. Bis man mir hier gesagt hat, dass das immer live ist.
Am Anfang war das schon was Neues. Ben Elton saß im Publikum und sagte immer „I need more face!“ Ich wusste gar nicht, wo ich dieses „more face“ hernehmen sollte. Inzwischen kann ich mich da richtig hineinsteigern und es macht echt Spaß.
Es ist zwar jeden Tag fast gleich, aber in Nuancen kann ich schon variieren. Je nach Laune und Tagesform ist der Bikiniwachs manchmal eben schmerzhafter. (lacht)


Michaela Flint: Warum haben Sie sich für Musical entschieden? Wenn man Ihren Lebenslauf liest, hätten sie durchaus auch eine andere musikalisch motivierte Richtung einschlagen können…


Brigitte Oelke: Das stimmt, ich habe als Kind viele Instrumente gespielt. Aber leider hatte ich nicht das Durchhaltevermögen für eine Sache wie zum Beispiel meine Schwester, die schon mit 7 Jahren Klavier spielte und heute eine erfolgreiche Konzertpianistin ist.
Angefangen hat alles im St. Gallener Kinderchor, der damals von meiner Mutter geleitet wurde. Bis ich 13 war, habe ich dann im Stadttheater im Kinderchor mitgewirkt. Leider kam es dann zu einem Bruch, da ich in dem Alter nicht mehr wirklich in den Kinderchor passte, aber auch noch nicht bei den Erwachsenen mitsingen durfte.

Zur gleichen Zeit bin ich das erste Mal auf Queen gestoßen. Ich erinnere mich, dass ‚Play the Game’ der erste Song war, auf den ich aufmerksam wurde – vor allem, weil ich mich gefragt habe, ob dort ein Mann oder eine Frau singt. Aus dieser anfänglichen Neugierde heraus bin ich dann zu einem großen Queen-Fan geworden. Ich habe sämtliche Platten und musste natürlich unbedingt Gitarre spielen lernen – wegen Brian May. Deshalb ist das hier bei „We Will Rock You“ auch sehr speziell für mich. So eine Art Aufarbeitung meiner Jugend. (lacht)


Michaela Flint: Sie haben auch mit eigenen Bands gespielt und sind durch die Schweiz getourt. War das Bandleben je eine Alternative zum Musical?


Brigitte Oelke: Mit 20 habe ich angefangen in Bands mitzusingen, weil ich auf jeden Fall musikalisch arbeiten wollte. Mit der Band ‚Night Gambler’ bin ich dann auch durch die Schweiz getourt. Das war ziemlich cool.


Das mit den Bands hat total Spaß gemacht, aber ich wusste schon damals, dass ich unbedingt auf die Bühne wollte. Ganz sicher wurde ich als Teeanger auch durch die Filme mit Gene Kelly geprägt. Genau das war es, was ich machen wollte. Ich wollte zum Musical und gleichzeitig ein Rockstar sein.
Nach verschiedenen Aufnahmeprüfungen habe ich dann in Hamburg bei der Stage School meine Ausbildung gemacht. 1994 war ich damit fertig und seitdem geht’s ab.


Michaela Flint: Auf der Bühne spielen Sie häufig die vermeintlich starken Frauen, die jedoch meist durch ihre wenig

angenehme Lebensgeschichte sehr hart geworden sind. Wie viel Brigitte Oelke steckt in diesen Frauen?


Brigitte Oelke: Früher war ich sehr schüchtern, was mir heute keiner mehr glaubt, da es nach außen anders wirkt. Erst in der Ausbildung in Hamburg habe ich gelernt, aus mir heraus zu gehen und meine Kraft zu finden. Ich denke, dass ist eines der besten Dinge an der Ausbildung zum Darsteller: Man kann rausfinden, was sein Typ ist und wie man auf andere wirkt.
In Nellie, Anita oder Killer Queen steckt schon viel Brigitte drin, sonst würde ich für diese Rollen nicht besetzt werden. Ich gehe ja als Brigitte zu den Auditions und nur, wenn das Creative Team mich als Typ mag, nehmen sie mich.


Michaela Flint: Warum haben Sie so häufig die Anita in der „West Side Story“ gespielt? Worin besteht der Reiz dieser Rolle?


Brigitte Oelke: Anita war 1995 eines meiner ersten Engagements. Ein Erlebnis. Und schon da habe ich direkt gewusst, dass ich die Rolle noch einmal spielen möchte, weil mir die paar Vorstellungen nicht gereicht haben. 2002 habe ich diese Rolle dann in Bielefeld gespielt und es war ganz anders. Jeder Regisseur ist anders und legt die Rolle anders an. Es ist schon toll, wenn man die Gelegenheit bekommt, eine Rolle mehrmals zu spielen und weiterzuentwickeln. Wichtig ist, dass man sich fragt, wie lange man eine Rolle noch spielen kann, ohne unglaubwürdig zu wirken. Das Engagement für Anita an der Deutschen Oper am Rhein hat mich extrem gefreut, weil die Rolle wieder etwas anders ausgerichtet war. Ich habe es sehr genossen, die Anita noch mal zu spielen.


Michaela Flint: Welche Bedeutung hat bzw. hatte die Rolle der Nellie für Sie oder Ihre Karriere?


Brigitte Oelke: Gesanglich hat natürlich jede Rolle ihre Besonderheiten. Für mich war Nellie sehr schö das Lied hat mir sehr gut gefallen. Es war sicherlich nicht ganz so einfach zu singen, aber es war schön soulig.
Bei der Rolle selbst, habe ich schon etwas geschmunzelt und mich gefragt, ob das wirklich mein Typ ist. Vor allem als ich die Kostüme das erste Mal sah. Die waren sehr schön, aber mit Peitsche? Das war schon etwas schräg. Aber es macht Spaß, in mir die Seite zu entdecken, die das rauslassen darf.


Michaela Flint: Was machen Sie, wenn Sie hier nicht auf der Bühne stehen? Was sind Ihre Hobbies?


Brigitte Oelke: Hobbies habe ich nicht wirklich. Es gibt zwar schon einige Sachen, die ich gern mache, aber die Rolle lässt nicht wirklich viele Freizeitaktivitäten zu. Killer Queen zu spielen macht viel Spaß, ist aber auf gewisse Weise auch sehr anstrengend. Zum Ausgleich brauche ich einfach nur Ruhe, Zuhause sein, vielleicht mal lesen oder Musik hören. Zur Entspannung fahre ich dann auf gern mal Fahrrad. Aber ich bin sehr diszipliniert und muss auch nicht mehr bei jeder Party dabei sein.


Michaela Flint: Sie haben viele Ausflüge ins Popbusiness gemacht, z. B. den ‚Grand Prix d’Eurovision de la Chanson’ 2001 mit Joy Fleming, wo Sie immerhin den 2. Platz belegten. Gibt es Pläne für ein eigenes Album oder Solo-Konzerte?


Brigitte Oelke: Es kann sein, dass nächstes Jahr vielleicht was kommen kann. Schön formuliert, oder? Ich arbeite tatsächlich an einer Solo-CD. Was und wann genau, wird man sehen. Allerdings bin ich mich sicher, dass es eher nicht musicalmäßig sein wird. Im Moment fehlt mir aber leider die Zeit für große Parallel-Projekte, deshalb gibt es noch nicht Genaueres, was ich dazu sagen könnte.


Michaela Flint: Wir sind gespannt auf Ihre Solo-Projekte und wünschen Ihnen bis dahin noch viel Spaß im Musical Dome. Vielen Dank für das nette Gespräch.


Mehr Informationen unter www.brigitteoelke.de


Michaela Flint

veröffentlicht in blickpunkt musical

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