CARSTEN AXEL LEPPER

2004

 
 

Keine vierzehn Tage nach der letzten Vorstellung als Raoul beim „Phantom der Oper“ in Stuttgart stand Carsten Axel Lepper schon beim nächsten Musical als Hauptdarsteller auf der Bühne. Am 4. Juni erntete er als Claude in der Pforzheimer „Hair“-Inszenierung stehende Ovationen.


Michaela Flint: Wie war die Premiere?


Carsten A. Lepper: Es war einfach toll. Das Publikum war total begeistert, ist richtig mitgegangen. Die haben ja noch applaudiert als wir schon lange den Saal verlassen hatten. Das die Pforzheimer so mitgehen, hätte ich nicht erwartet.


Michaela Flint: Warum haben Sie sich für diese Rolle entschieden?


Carsten A. Lepper: Ich wollte mal etwas anderes machen. Weg von den großen Ensuite-Bühnen, wo alles nach strengen Regeln abläuft und man so gut wie keine künstlerischen Freiheiten hat. Damit meine ich insbesondere meine letzte Rolle als Raoul im „Phantom der Oper“. Als Lucheni in „Elisabeth“ oder Thomas Andrews in „Titanic“ sah das schon wieder ganz anders aus – dort man konnte sich am künstlerischen Prozess beteiligen.
So gesehen ist „Hair“ eine Art „künstlerische Befreiung“ für mich und ich hab unheimlich viel Spaß dabei.


Michaela Flint: Das Ensemble wirkt auf der Bühne sehr harmonisch. Haben die Probenarbeiten genauso viel Freude gemacht wie es scheint?


Carsten A. Lepper: Ja, 90 % der knapp sechswöchigen Probenzeit liefen ohne Streit ab. Wenn es mal Differenzen gab, haben wir darüber gesprochen, alle mit angepackt und das Problem gemeinsam beseitigt. Auf diese Weise konnten wir das Theater Pforzheim davon überzeugen, dass man mit  Stimmmonitoren auf der Bühne eine qualitativ bessere Leistung erzielen kann als ohne.  Diese haben den Sound stark verbessert

Carsten Axel Lepper über Hippies, Tanzen und den Mut, sich auf der Bühne fallen lassen zu können

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und uns die Arbeit sehr erleichtert.
Ich finde es toll, dass sich das Theater auf eine Diskussion und anschließende Zusammenarbeit in dieser Richtung eingelassen hat – das habe ich so nicht erwartet: Hut ab!
Im Allgemeinen waren die Proben durch ein sehr gutes Zusammenspiel von Ballett und Gästen geprägt und wir haben viel zusammen erreicht.


Michaela Flint: Wie haben Sie sich auf ihren Part als Hippie vorbereitet?


Carsten A. Lepper: Ich komme aus der Schauspiel-Ecke und da ist es mir wichtig, dass die Stücke ein gewisses schauspielerisches Potential bieten. Bei „Hair“ ist das ganz besonders. Da ich dafür nicht wirklich auf die statischen Grundlagen zurückgreifen konnte, die ich mal gelernt habe, musste ich wesentlich mehr von mir selbst einbringen als in andere Rollen.
Die Vorarbeit bestand also darin, für mich selbst herauszufinden, was finde ich flippig? Wie bin ich, wenn ich locker bin? Dieses Gefühl musste ich dann auf die Bühne bringen. Das ganze hat viel mit Mut und „Loslassen“ zu tun. Man darf an „Hair“ nicht verkopft rangehen, dann funktioniert es nicht. Die Frage „Warum?“ ist für mich bei „Hair“ einfach verboten. Ich habe versucht, ganz ohne Hemmungen in die Proben zu gehen; bin direkt ins kalte Wasser gesprungen. Und es hat funktioniert.

 

Michaela Flint: Wieviel Möglichkeit zur Improvisation bietet diese Produktion?


Carsten A. Lepper: Sehr viel. Das ganze Ensemble hat das Stück gemeinsam inszeniert. Der Regisseur Craig Simmons hat uns während der Proben viel Freiraum gelassen und so sind auch die Choreographien aus vielen Improvisationen heraus entstanden. Es ist schon was besonderes, wenn nicht alles „durchgestaged“ ist.
Dadurch, dass zwischen den einzelnen Vorstellungen immer einige Tage liegen, bleibt die Produktion frisch und wir bekommen die Möglichkeit, von Vorstellung zu Vorstellung einzelne Abläufe zu variieren.


Michaela Flint: In Ihren bisherigen Rollen haben Sie noch nie getanzt. Bei „Hair“ gibt es viele choreographierte Szenen. Außerdem tragen Sie eine Langhaar-Perücke. War dies eine besondere Herausforderung für Sie?


Carsten A. Lepper: Stimmt, außer beim Maskenball im Phantom hatte ich vorher keine Tanzszenen. Für mich war aber klar, dass ich unter den vielen Ballett-Tänzern nicht auffallen wollte und deshalb bin ich mit Randy Dean Diamond, der ja gelernter Tänzer ist, die Choreographien durchgegangen und habe mir von ihm Verbesserungstipps geholt.
Mit der Perücke war das so eine Sache. Ich persönlich fühle mich damit sehr wohl. Aber bei den ersten Proben, hatte ich die langen Strähnen doch recht oft im Mund, was beim Singen ziemlich störte. Aber mit ein bisschen Wachs ließ sich dieses Problem aus der Welt schaffen. Ich finde, dass man kaum erkennt, dass es eine Perücke ist, weil sie farblich wirklich sehr gut abgestimmt und außerdem aus Echthaar geknüpft wurde. Ein großes Lob an meine Maskenbildnerin in Pforzheim.Mir gefällt das – ist mal was anderes als immer im Anzug auf der Bühne zu stehen.


Michaela Flint: Wie ist die Arbeit an einem Stadttheater im Vergleich zu großen Ensuite-Produktionen wie „Elisabeth“ oder „Phantom der Oper“?


Carsten A. Lepper: Am Stadttheater geht alles Hand in Hand. Jeder hilft jedem. Genauso wie Randy Dean Diamond mich bei den Choreographien unterstützt hat, hat er mir Tipps für die englische Aussprache gegeben, denn es war für mich das erste Mal ein Musical auf Englisch zu singen. Eigentlich bin ich dagegen in Deutschland Musicals auf Englisch zu spielen, da ich ein Verfechter der deutschen Sprache auf deutschen Bühnen bin – aber ich muss zugeben, dass bei einem Musical wie „Hair“ ein Song wie „Let the sunshine in“ übersetzt „Lass den Sonnenschein rein“ ungewollt komisch wirkt. Auch bei den Kostümen sind wir unkonventionelle, an großen Musical-Theatern undenkbare, Wege gegangen. Die Jeans, die ich auf der Bühne trage, sind meine. Natürlich wurde der Schlag extra eingenäht. Auch die Weste, die Schuhe und das Stirnband sind aus meinem Kleiderschrank und wurden mit ein paar zusätzlichen Fransen den 60ern angepasst.
Die Liebe zum Detail und diese Art der engen Zusammenarbeit findet man in einem großen Theater wie dem Palladium oder dem Colosseum auf andere Art und Weise. Dort hat man finanziell meist mehr Mittel und es wird unglaublich viel Wert auf Details gelegt – das schätze ich sehr, keine Frage. Aber man muss schon sagen, dass man bei einer Ensuite-Produktion oftmals vor vollendete Tatsachen gestellt wird, da sich schon Monate vorher, diverse Designer über das eigene Kostüm den Kopf zerbrochen haben und somit geht dieser kreative Prozess an einem selbst spurlos vorbei. Es ist einfach eine andere Art von Miteinander.


Michaela Flint: Haben Sie Lieblingsszenen bei „Hair“?


Carsten A. Lepper: Für mich ist es wichtig, die Bedeutung eines Songs oder einer Szene zu erfassen und fürs Publikum `rüberbringen zu können. Alles muss Hand und Fuß haben. Vor allem der Song vor der Pause „Where do I go?“ gefällt mir sehr gut. Ich mag die Aussage dieses Songs. Die Szene zum Ende des zweiten Akts, wo ich durch einen Tunnel aus Nebel und Licht verschwinde, finde ich auch ganz großartig. Schade nur, dass ich nie sehen kann, wie sie auf das Publikum wirkt.


Michaela Flint: Schon bei „Elisabeth“ hatten Sie als Luigi Lucheni direkten Kontakt zum Publikum und konnten quasi mit den Zuschauern „spielen“. Bei „Hair“ geht das ganze Ensemble viel auf das Publikum ein. Wie wichtig ist es, die Reaktionen des Publikums direkt zu spüren?


Carsten A. Lepper: Das hängt sehr stark von den Zuschauern ab. Als Lucheni habe ich sehr schnell gemerkt, wenn das Publikum bereit war, mitzumachen. Bei „Hair“ ist es etwas schwieriger. Die Menschen freuen sich zwar, wenn sie Blumen von uns geschenkt bekommen, aber manchmal stehen wir halt auch vor jemanden, der sich auf diese Spielchen so gar nicht einlässt und dann wird das ganze etwas zäh und anstrengend.


Michaela Flint: Was macht „Hair“ für Sie persönlich so speziell?


Carsten A. Lepper: Zunächst konnte ich mir nicht vorstellen, dass die Rolle des Neu-Hippies Claude zu mir passen würde. Aber inzwischen komme ich damit sehr gut zurecht. Allein im ersten Akt habe ich vier Songs, bei denen ich sowohl tänzerisch als auch gesanglich große Herausforderungen zu meistern hatte, da ich ja eigentlich kein Rocksänger bin. Aber genau das macht dieses Engagement für mich besonders spannend.


Michaela Flint:„Hair“ wird nur unregelmäßig aufgeführt. Was machen Sie mit Ihrer neu gewonnenen Freizeit?


Carsten A. Lepper: Im Moment genieße ich es, nicht jeden Tag auf der Bühne zu stehen. Ich schaue mich aber schon um, wo Auditions ausgeschrieben sind und bewerbe mich fleißig. Außerdem überlege ich, einen Camera Acting Workshop zu machen, denn Fernsehen reizt mich sehr.
Das Reizvolle als darstellender Künstler ist, dass man seine künstlerischen Richtungen immer erweitern muss, wenn man nicht dauerhaft in eine Schublade gesteckt werden möchte .Man muss diese stetigen Veränderungen positiv nehmen. Ich möchte nicht ewig auf Musicals festgelegt sein, deshalb kann ich mir gut vorstellen, auch mal in anderen Ecken des Bühnenfachs – sei es nun Schauspieltheater oder andere Bereichen des Musiktheaters – zu arbeiten. Auch Film- und Fernsehen würde mich besonders interessieren.
Ich habe viele Ideen, was ich machen möchte… Nein, langweilig wird es mir zurzeit ganz sicher nicht.


Michaela Flint: Können Sie sich vorstellen, ab Herbst wieder auf der Bühne eines Ensuite-Musicals zu stehen?


Carsten A. Lepper: Erstmal ist geplant, dass ich auch in der nächsten Spielzeit wieder bei „Hair“ in Pforzheim mit dabei bin. Im Moment fühle ich mich in meiner Stuttgarter Wohnung sehr wohl und möchte hier nicht unbedingt weg.
Ich muss bis zum Herbst einfach schauen, was sich so ergibt. Abgesehen davon, gibt es ja zurzeit keine Pläne, große Ensuite-Produktionen wie „Elisabeth“ wieder auf eine deutsche Bühne zu bringen. Da wäre ich aber auf jeden Fall gern wieder mit von der Partie. Ich sage nur: „Alla malora!“


Mehr Informationen unter www.carstenlepper.de


Michaela Flint

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