2016

DER MEDICUS

 
 

Noah Gordon hat mit dem „Medicus“ 1986 sein Meisterstück abgeliefert. Dieses epochale Werk der Literatur wirkt allein ob seiner Seitenanzahl schon abschreckend. Umso beachtlicher ist es, dass sich eine kleine Produktionsfirma daran wagt, diesen Stoff auf eine Musicalbühne zu bringen.


Dennis Martin (Musik und Text) orientiert sich grob an der Romanvorlage, vermischt diese mit frei erfundenen Sequenzen aus Philipp Stölzls Film (2013) und kreiert damit schlussendlich ein buntes, charakterstarkes Bühnenfeuerwerk, in dem alle Gewerke ein gelungenes Gesamtkunstwerk ergeben.


Unterstützung holt sich Martin von Marian Lux (Musik) sowie Wolfgang Adenberg und Christoph Jilo (Texte). Gemeinsam gelingt es ihnen, die lange, verschachtelte Handlung kurzweilig und unterhaltsam auf die Bühne zu bringen.

Ein farbenfrohes Spektakel frei nach Noah Gordon mit einem energiegeladenen Ensemble

Wie rau der Umgang im England des beginnenden 11. Jahrhunderts untereinander war, zeigt das Ensemble eindrucksvoll in „Die Zeiten sind hart“. Die Ellenbogengesellschaft spiegelt sich in Kim Duddys moderner, abwechslungsreicher Choreographie wider. Teile des Ensembles rotten sich tänzerisch immer wieder gegen andere zusammen; der Klassenkampf ist allgegenwärtig. Und mittendrin der kleine Rob, der nicht weiß wie er nach dem Tod des Vaters als einziger „Mann“ im Haus seine Mutter und Schwestern versorgen soll.


Als seine Mutter an der Seitenkrankheit (heute Appendizitis oder Blinddarmentzündung genannt) stirbt, nimmt sich ein Bader des kleinen Jungen an und schürt in ihm den Drang, Krankheiten heilen zu wollen. Robs besondere Gabe, mit seinen Händen den bevorstehenden Tod seines Gegenübers spüren zu können, nutzt der Bader für seine Zwecke aus. „Für Leib und Seele“ ist ein in sich stimmiger Song, kompositorisch vielleicht etwas zu glatt, doch die Texte funktionieren sehr gut und das durchtriebene Wesen des Baders kommt klar zum Vorschein.


Der Wechsel vom Kind Rob zum Erwachsenen gelingt inszenatorisch sehr gut. Robs Neugierde und Wissensdrang treiben ihn weg vom Bader. „Ich muss es tun“ erinnert vage an Frank Wildhorns „Jekyll & Hyde“, passt aber gut zu Robs Ambitionen, die Heilkunst zu studieren und England den Rücken zu kehren. Der Bader unterstützt ihn in seinen Ambitionen und empfiehlt ihm einen jüdischen Medicus namens Ibn Sina, der im persischen Isfahan an der Madrassa menschliche Heilkunst lehrt.


Auch „Das ist mein Weg“ ist poppig und eingängig, doch melodisch einmal mehr zu glattgeschliffen. Was hier allerdings störend auffällt, ist der große Anteil Hall, den man unter die Stimmt von Friedrich Rau (Rob) gelegt hat. Es klingt so, als würde er in einer Kirche singen, was sich auch bei Sabrina Weckerlins (Mary) Soli wiederholt. Hier wäre weniger eindeutig mehr gewesen.


Auf seiner Reise gen Süden strandet Rob wetterbedingt in einem kleinen Dorf, in dem sich nach und nach alle versammeln, die nach Persien weiterziehen wollen. „Wir stecken fest in diesem Nest“ ist ein überaus fröhliches, interkulturelles Wehklagen aller Anwesenden, das mit seinen jüdischen, irischen und poppigen Klangelementen und den mitreißenden, modernen Choreographien trotz der frustrierenden Situation der Protagonisten für jede Menge guter Laune im Publikum sorgt.



nutzt, um die Bühne komplett umzugestalten und in eine andere, farbenfrohere Welt zu tauchen.


Die Aussage „Unter diesem Dach lebt das Wissen der Welt“ ist zwar ein wenig pathetisch, doch es entspricht der Wahrheit, dass die Wissenschaft in Persien zu der damaligen Zeit deutlich fortgeschrittener war und man intensiver forschte als in England.


Um an der Madrassa studieren zu können, muss sich Rob als Jude verkleiden und nimmt mit „Jesse ben Benjamin“ einen neuen Namen an. Er macht große Fortschritte und findet in Mirdin und Karim, dem Neffen des Schahs, gute Freunde.


Lutz Standop gibt den pflichtbewussten Juden Mirdin, der als erster aus der Gruppe von Ibn Sina zum Hakim (Arzt) ernannt wird. Sein jüdisches Gebet gehört zu den absoluten Highlights des Abends. Es wirkt sehr authentisch und Standop trägt es vollkommen unaufgeregt vor, so dass Melodie und Sprache ihre volle Wirkung entfalten können.


Als Karim, der Klassenclown, aber nicht minder clevere Schüler Ibn Sinas, steht Andreas Wolfram auf der Bühne des Schlosstheaters. Die extrovertierte Art und der Sarkasmus, die diese Figur ausmachen, kann er überaus glaubwürdig transportieren und mehr als einmal sorgt er für Lacher mit seinem spitzbübischen Charme.


Am Ende des ersten Akts geht es allen gut und sie feiern ein großes Fest („Hier im Herzen der Stadt“). Die Kostüme (Ulrike Kremer) sind farbenfroh, die Choreographien sind arabisch angehaucht und das Ensemble platzt fast vor Energie. Die strahlenden Gesichter und ausdrucksstarke Mimik und Gestik sind an einigen Stellen dann aber doch zu viel. Dies mag aber der Tatsache geschuldet sein, dass die besuchte Vorstellung gefilmt wurde und jeder noch ein bisschen mehr als sonst gezeigt hat.


So positiv der erste Akt endete, so erschütternd startet die zweite Hälfte: „Die Pest ist in der Stadt“ und rafft große Teile der Bevölkerung dahin. Dazu gehören auch der Schah und dessen Bruder. Daher wird Karim, der so gar keinen Bezug zum Herrschertum hatte, der neue Schah.

Die Reprise des Songs in Slow-Motion überzeugt ebenfalls durch eine sehr akzentuierte, sauber getanzte Choreographie.


Rob und Mary verlieben sich schon bei ihrem ersten Treffen und genießen die Zeit zu Zweit. So schön „Kilmarnock“ (Mary Solo, in dem sie sich an ihre schottische Heimat erinnert) ist, so banal kommt das Trennungsduett der beiden Liebenden daher als feststeht, dass Rob seinen Plan, ein Medicus zu werden, weiterverfolgen und nicht mit Mary und ihrem Vater nach Schottland zurückkehren wird.


Der Kulissenwechsel vom Balkan zur Silhouette Isfahans ist sehr gelungen, da man den Sandsturm, durch den Rob sich durchkämpft,

Gleichzeitig gelingt es Rob an einem Rattenkadaver zu veranschaulichen wie sich die Pest ausbreitet. Den Ärzten und Studenten der Madrassa gelingt es, die Krankheit durch strikte Hygienemaßnahmen einzudämmen und schließlich ganz zu bekämpfen.


Reinhard Brussmann zeigt als Ibn Sina viel Tiefe und Stattlichkeit. In sein Solo „Die Gabe“ legt er viel Gefühl und sein warmer Bariton sorgt für eine wohlige Gänsehaut.


Das genaue Gegenteil hiervon ist Wolfram als neuer Schah: Er wirkt kampflustig und ist getrieben von Rache. Er ist arrogant und behandelt seine Angestellten und sein Volk von oben herab. Karim sonnt sich im Gehorsam

seiner Untertanen („Ala Schah“; leider wieder mit zu viel Hall) und merkt zu spät, dass er seine Freundschaft zu Mirdin und Rob damit aufs Spiel setzt.


Rob nimmt Karims „Geschenk“ an als er in einer der Sklavinnen Mary erkennt und ehelicht diese Ihr Vater wurde ermordet und sie nach Isfahan verschleppt. Der Sternenhimmel, der die Bühne überspannt, als die beiden ihr unerwartetes Wiedersehen feiern („Wenn die Sterne mit uns sind“), ist sehr gelungen.


Obwohl sich alles in ihm aufbäumt und er sich und seine Frau am liebsten sofort in Sicherheit bringen möchte, muss Rob doch seine Aufgabe erfüllen: Er muss einfach wissen, wie es in einem Menschen aussieht. Er liefert sich einen beeindruckenden Schlagabtausch mit Ibn Sina, der ihm nachdrücklich davon abrät, hier auf eigene Faust zu handeln, da dies allen Regeln des Islams widersprechen würde.


Rob setzt sich darüber hinweg („Ich muss es tun“) und beginnt im dunklen Keller der Madrassa Leichen aufzuschneiden und das abzuzeichnen, was er dabei entdeckt.


Parallel bereiten die beiden Frauen von Mirdin und Rob alles für die Rückkehr von Mirdin vor, der als Leibarzt des jungen Schahs mit auf dessen Feldzug musste. Der Text zu diesem Damen-Duett („Ein Arzt in der Familie“) ist mit einem Augenzwinkern abgefasst und macht viel Freude.


Leider erliegt Mirdin jedoch kurz nach der Rückkehr seinen schweren Verletzungen, die er sich zuzog als er - ganz pflichtbewusster Arzt – Verwundeten auf dem Schlachtfeld helfen wollte.


Rob schäumt vor Wut als er merkt, wie leichtfertig Karim das Leben von Mirdin aufs Spiel setzte. Es ist „Alles nur ein Spiel“ – mit dieser Aussage Karims kann und will Rob sich nicht zufrieden geben. Es kommt zu einem finalen Wortgefecht der beiden früheren Freunde.


Diese Szene ist absolut treffend inszeniert (Regie: Holger Hauer), spielt sie sich doch auf einem Schachbrett ab. Karim hat Rob dieses Spiel seinerzeit gelehrt, nun stehen die beiden (Karim in Schwarz, Rob in Weiß) oberhalb der Tanzfläche, auf der zwei Gruppen schwarz und weiß gekleideter Tänzer gegeneinander antreten, und keiner hört dem anderen mehr zu.

Wolframs leichtes Nuscheln lässt Karim noch hochmütiger erscheinen. Dass er mit seinen Handlungen, zu denen auch die Vergewaltigung von Mary gehört, letztlich Robs Leben gerettet hat, vermag dieser nicht verstehen zu wollen. Rob sieht in Karim all das Böse gegen das er zeitlebens angekämpft hat. Karim schickt Rob weg aus Isfanan– einmal mehr, um ihn zu retten – denn der Schah weiß, dass seine Widersacher schon vor der Toren der Stadt stehen. Er sollte Recht behalten - Karim wird von seinen Feinden ermordet.


Kurz bevor Rob und Mary Isfanan verlassen, schleicht sich dieser nochmal zu Ibn Sina, der sich selbst gestellt hat, als man herausfand, dass sich jemand an den Leichen zu schaffen gemacht hat.

Rob ist tief getroffen als er davon erfährt und zeigt ihm seine Aufzeichnungen. „Wenn wir jetzt nicht weitergeh’n“ ist ein gleichsam berührendes und motivierendes Abschiedslied des großen Ibn Sina. Als dieser Rob erzählt, dass er schon lange schwer krank ist und Rob mithilfe seiner Gabe den nahenden Tod seines Meisters sieht, weiß er, dass sich Ibn Sina nicht für ihn, sondern letztendlich für die Wissenschaft geopfert hat.


Mit diesem Vermächtnis machen sich Rob und Mary wieder auf nach Schottland, wo sie etwas spontan in der nächsten Szene schon mit ihrem 8-jährigen Sohn am Tisch sitzen, der sich die Geschichte des Medicus von seinem Vater hat erzählen lassen. „Es fühlt sich nach Heimat an“ ist ein trauriges, aber irgendwie doch versöhnliches Finale für diese aufregende Reise.


Es passiert tatsächlich viel in diesem gut zweieinhalbstündigen Musical. Und es gibt viel anzuschauen. Ein Literaturepos adaptiert man eben nicht „mal eben so“ für die Bühne. Alles in allem kann man den Kreativen jedoch nur zu ihrem gelungenen Werk gratulieren.


Bühne, Kostüm und Licht (Pia Virolainen) ergänzen sich perfekt und schaffen so stimmungsvolle Welten – egal ob im dunklen, dreckigen London oder im sonnig-bunten Persien – in denen es viele gut ausgearbeitete Details zu erspähen gibt.


Musikalisch ist „Der Medicus“ kein herausragendes Werk, dazu ähneln sich die Songs zu sehr. Einzig das jüdische Gebet hat das gewisse Etwas. Daran ändern auch die exzellenten Orchestrierungen und Arrangements von einem Könner wie Michael Reed nichts. Sicherlich spielt hier mit hinein, dass einige Stücke durch zu viel Hall ihre emotionale Wirkung nicht erzielen konnten.


Was dieses Stück aber vor allem sehenswert macht, sind die Darsteller, die sich der Mammutaufgabe gestellt haben, Charakteren Leben einzuhauchen, zu denen sicherlich viele Zuschauer - entweder dank ihrer eigenen Phantasie nach dem Lesens des Buchs oder durch den Film – bereits konkrete Vorstellungen im Kopf hatten.


Am besten gelingt dies Andreas Wolfram, Lutz Standop und Reinhard Brussmann. Sie machen ihre so unterschiedlichen Figuren erlebbar. Wolfram mit viel Süffisanz, Standop durch viel Demut und Brussmann durch ihm eigene stattliche Bühnenpräsenz.


Friedrich Rau steht in fast jeder Szene auf der Bühne und absolviert somit jeden Abend ein beachtliches Programm. Sein Rob ist energisch und authentisch. Er überzeugt als guter Freund genauso wie als wissbegieriger Student mit eigenem Kopf.

Sabrina Weckerlin hat als Mary ihren Vater (Léon van Leuwwenberg) gut im Griff. Dass sie die Vergewaltigung durch den Schah stoisch über sich ergehen lässt und hinterher voller Zweifel und Selbsthass wieder zu ihrem Mann zurückkehrt, bringt Weckerlin sehr gut über die Rampe. Gesanglich verkauft sie sich hier jedoch eindeutig unter Wert. Denn außer leisen, wehklagenden Tönen ist von ihr als Mary leider nichts zu hören.


Das insgesamt 32-köpfige Ensemble gewinnt das Publikum mit seinen schwungvollen Tanzeinlagen und guter (wenn auch manchmal etwas zu ausgeprägter, wachsartiger) Mimik für sich. Da ist es nur zu verständlich, dass die Zuschauer schon bei den ersten Klängen des Finales aufstehen und die Darstellerinnen und Darsteller mit tosendem Applaus feiern.


Michaela Flint