2016

FAST NORMAL

 
 

Tom Kitts (Musik) und Brian Yorkeys (Buch, Lyrics) „Next to Normal“ ist alles andere als ein „Feel Good Musical“. Vielmehr behandeln die beiden ein vielfach noch tabuisiertes Thema: Was passiert, wenn ein Familienmitglied (in diesem Fall die Mutter) aufgrund eines traumatischen Ereignisses psychisch erkrankt (in diesem Fall manisch-depressiv) und die Familie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten versucht, sich mit dieser Situation zu arrangieren und dem erkrankten Familienmitglied so gut es geht zu helfen.


In „Next to Normal“ (zu deutsch: „Fast normal“) ist es Diana, die den plötzlichen Tod des Sohnes nicht verarbeiten konnte und auch nach 18 Jahren noch an einer ausgeprägten bipolaren Störung leidet. Weder sie noch ihr Mann Dan tragen eine Schuld an dem Nichterkennen des Darmverschlusses ihres Säuglings Gabriel, waren sie selbst doch noch Kinder als der Junge zur Welt kam. Auch die wenig später geborene Tochter Natalie kann der Mutter nicht helfen, das Schicksal anzunehmen.

 

Rockige Umsetzung eines Dramamusicals mit guter Band und starken Charakteren im Rampenlicht

Diana funktioniert zu Hause mal mehr, mal weniger gut, schwankt zwischen extremer gute Laune und Aktionismus und totaler Lethargie. In ihrer Welt aus Halluzinationen lebt Gabriel immer noch und ist ein ganz normaler Teenager, um den sie sich aufopferungsvoll kümmert und mit dem sie sich austauscht. Dan geht jeden psychologisch-medizinischen Weg, um die Frau, die er über alles liebt, zu unterstützen und wieder ein gemeinsames Leben mit ihr zu führen. Natalie kommt bei alledem zu kurz und da ihre hervorragenden schulischen Leistungen nicht zu der erhofften Anerkennung führen, gibt sie sich den Drogen hin. Am Ende entscheidet sich Diana für ein Leben ohne Dan und Natalie, während Dan sich eingesteht, dass auch er Gabriel sieht und braucht. Natalie, die davon nichts ahnt, steht ihrem Vater zur Seite und hofft, dass sie es auch ohne Diana schaffen, eine Familie zu sein.


Spannend bei all dem ist, zumindest in Harald Weilers Inszenierung in den Hamburger Kammerspielen, dass Gabriel keine passive Halluzination Dianas ist, sondern aktiv in das Geschehen eingreift: Sei es nun, dass er der Mutter den Mülleimer hinhält, wenn sie ihre Pillen entsorgt, ihr vehement zuredet, dass sie die EKT (Elektrokrampftherapie) nicht machen soll, oder dass er Natalie die Tabletten der Mutter als Lösungsweg darbietet. Mehr als einmal wirkt er wie ein Puppenspieler, der die Geschicke seiner Familie nach seinen Wünschen lenkt. Auf die ein oder andere Weise stehen alle drei in Gabriels Bann, was besonders am Schluss klar wird: Diana trennt sich nicht nur von Mann und Tochter, sondern lässt auch ihren Sohn zurück. Dieser wiederum wendet sich direkt dem Vater zu, der in seiner Verletztheit für diesen Einfluss seines Unterbewusstseins sehr empfänglich ist.


Schon die Inhaltsbeschreibung macht deutlich, dass es bei diesem Stück nicht auf das Drumherum ankommt, sondern auf die Charaktere. Die Darsteller von Diana, Dan, Natalie und Gabriel müssen starke schauspielerische Qualitäten und eine gute Bühnenpräsenz haben, um zu überzeugen. Auch gesanglich haben Kitt und Yorkey ihren Künstler einige Herausforderungen geschaffen. Jeder der Protagonisten hat Soli, in denen er bzw. sie ganz pur und aufgewühlt vor Emotionen allein im Scheinwerferlicht steht.


Folglich finden sich auf der Bühne der Kammerspiele außer ein paar Stühlen, einem Tisch und einem von innen beleuchteten portalähnlichen Kubus nichts, was von der Handlung ablenken könnte. Lars Peter (Ausstattung) und Gerald Timmann (Licht) haben hier eine gut funktionierende Atmosphäre geschaffen.

Das Publikum lernt Diana in einer ihrer manischen Phasen kennen. Carolin Fortenbacher wirkt in diesen Momenten schon fast zu exzentrisch und zeigt eine überzogene Mimik, die knapp an der Parodie entlangschrammt. Ihr Zweigespräch mit Gabriel hingegen ist in sich sehr stimmig.


Elias Krischke gibt den verstorbenen Gabriel, der in Dianas Halluzinationen als Teenager fortlebt. Mit seinen schon fast teuflischen Seitenblicken und seiner Ausstrahlung, die weit über die schlichte Bühnenpräsenz hinausgeht, zieht er das Publikum sofort in seinen Bann. Jeder möchte wissen: Wer ist das? Und wieso kann offenbar nur Diana ihn sehen? Dieses Geheimnis wird jedoch erst später gelüftet.


Dass die vier Familienmitglieder alle in ihrer eigenen Welt leben, zeigt die allmorgendliche Routine – jeder an seinem eigenen Stuhl mit seinen eigenen Abläufen und Problemen beschäftigt („Wie an jedem Tag“). Die anschließende Szene (der Arztbesuch von Diana) nimmt die häufig als einziger Ausweg praktizierte Psychopharmaka-Therapie auf die Schippe. Tim Grobe jongliert als Arzt mit Diagnosen und kunterbunten Pillen, während Diana sich fragt, ob sie die Nebenwirkungen wirklich in Kauf nehmen muss. Robin Brosch kann Dans Verzweiflung („Wer spinnt hier?“) sehr gut Ausdruck verleihen. Dass auch ihm irgendwann die sprichwörtliche Puste ausgeht, glaubt man ihm sofort.


Parallel nähern sich Natalie und Henry, einer ihrer Mitschüler, einander an. Auch wenn Natalie (Alice Hanimyan) zunächst noch sehr burschikos ist, spürt sie doch, dass Henry (Jan Rogler) ihr gut tut. Und so wird „Richtig für Dich“ zu einer sehr süßen, schüchternen Liebeserklärung unter Teenies.


Eine der Schlüsselszenen des Stücks ist „Alles wird gut“: Die Therapie scheint zu wirken, Diana ist (fast schon wieder zu) fröhlich und die Familie freut sich auf ein gemeinsames Essen mit Henry. Als Diana mit der Geburtstagstorte für Gabriel hereinkommt, kippt die Stimmung. Dan erklärt ihr zum wiederholten Mal, dass Gabriel tot ist und das schon seit Jahren. Robin Brosch legt einmal mehr viel Gefühl in sein Solo „Er ist fort“. Carolin Fortenbacher bestätigt, dass ihr Sarkasmus und trockener Humor liegen, denn als Dan fragt, wo die Pillen sind, antwortet sie in der ihr eigenen Art jovial: „Wir haben die glücklichste Klospülung der Straße!“ Leider kann sie diese Authentizität nicht in den folgenden Song mitnehmen. „Was weißt Du?“ fällt gegenüber der vorangegangenen Szene deutlich ab, auch wenn die überfällige Entscheidung zwischen Dan und Gabriel sehr gut inszeniert und gespielt ist („Kein Mensch“).


Im Laufe des Abends hört man leider viele disharmonische Töne. Dies mag Absicht sein und es passt teilweise auch zu den rockigen Nummern, dennoch zuckt man unweigerlich zusammen.


Die stärkste Nummer von Natalie ist „Superboy und seine Schwester aus Glas“. Alice Hanimyan platzt schier vor unterdrücktem Frust. Ihre ausladende, kraftvolle Gestik und die traurig-wütende Mimik sind beeindruckend. Das Publikum versteht, warum die Tochter sich zurückgesetzt fühlt und sich nach und nach von den Zwängen des Elternhauses zu befreien versucht.

Einen Bruch im Fluss bildet der nächste Arzt-besuch von Diana. Der Arzt (Tim Grobe) mutiert in ihrer Phantasie zu einen Rock-Prediger. Grobe gelingt der Wechsel zwischen altklugem, phrasendreschendem Psychiater und dem überdrehten Rockstar extrem gut. Dass sich Gabriel von diesem Versuchen, sich seiner zu entledigen, nicht einschüchtern lässt, stellt er mit „Ich lebe“ eindrücklich unter Beweis. Elias Krischke dosiert die Energie für diesen Song genau richtig. In der Folge wird sein Schicksal noch mehr mit dem seiner Schwester verwoben, der er – während die gemeinsame Mutter vom Arzt hypnotisiert wird – die Tasche mit den Pillen rüberschiebt. Natalie erliegt der Verlockung zwar nicht direkt, aber die Zuschauer spüren, dass sie nicht stark genug ist, sich dieser Flucht in eine andere, schönere Welt, dauerhaft zu widersetzen.


Nach einem Selbstmordversuch Dianas, der durch Gabriels Lockversuch („Komm mit mir“ – sehr gefühlvoll von Krischke interpretiert) ausgelöst wird, sehen der Arzt und Dan nur

noch die EKT als Ausweg. Brosch zeigt eine große emotionale Betroffenheit, als er sich als Dan fragt, „Wohin soll das führ’n?“. So eine Entscheidung trifft sich nicht „mal eben so.“ Diana verleiht ihrer Sorge mit „Das ist doch wie im Kino“ Ausdruck. Diese Rocknummer steht Fortenbacher sehr gut.


Als es schließlich zur EKT kommt, liegt Gabriel zuckend über den Köpfen von Diana und dem Arzt. Krischke wird sichtbar schwächer. Ein wirklich sehr gelungener Regie-Kniff von Harald Weiler, die Halluzination von Diana auf diese Weise sichtbar schwächer werden zu lassen!


Parallel kollabiert Natalie im Drogenrausch nach einem Hustensaft-Trip. Henry kann sie retten, während Dan seine Frau nach 14 Tagen EKT ebenfalls wieder nach Hause holen darf. „Wär ich nur da“ ist ein starkes Duett der beiden Leading Ladies, die sich gerade beide selbst verlieren.


Leider erinnert sich Diana nur noch an Dan, alles andere wurde durch die Behandlung (vorübergehend) aus ihrem Gedächtnis gelöscht. Sehr einfühlsam versucht Dan die Erinnerung zurückzubringen („Lied vom Vergessen“). Dabei schönt er die Vergangenheit an der einen oder anderen Stelle. Natalie ist tief verletzt, dass sich ihre Mutter nicht mehr an sie erinnert und stattdessen auf den Fleck an der Wand starrt, an dem bis vor Kurzem noch ein Foto von Gabriel hing. Brosch, Fortenbacher und Hanimyan spielen hier ihr ganzes Können aus, so dass das Publikum die fast schon unwirkliche Situation für die Familie nachempfinden kann. Erst Natalies Schocktherapie – das Zeigen von Fotos des durch Dianas Verschulden abgebrannten Hauses – löst den Knoten und bringt Dianas Erinnerung zurück. Doch ein weißer Fleck bleibt...


In einer der folgenden Sitzungen berät sich Diana mit ihrem Arzt, der ihr in einem unbedachten Moment verrät, dass sie einen Sohn hatte. Zu Recht stellt sie ihren Mann zur Rede. „Wie konnte mir das entfall’n“ ist ein sehr zartes Duett, das von Brosch und Fortenbacher mit viel Gefühl fortgetragen wird. Fortenbacher wirkt ganz zerbrechlich in ihrer Erinnerung an den verstorbenen Sohn.

Während Dan noch glaubt, dass sich alles zum Guten wendet, verfällt Diana wieder in alte Muster. Sie unterhält sich mit Gabriel, dreht komplett auf und über und doch ist etwas anders („Warum?). Sie fasst den Entschluss, sich von Dan zu trennen und sagt sich gleichzeitig von Gabriel los, um sich endlich selbst zu finden.


Der verzweifelte Versuch von Dan, Diana mit gemeinsamen Erinnerungen daran wie glücklich sie einmal waren, zu halten, führt ins Leere. „Ein Versprechen“ ist ein sehr cleverer Song, zeigt er doch zum einen das Paar Dan und Diana, das vor den Scherben seiner Ehe steht als auch die junge, aufblühende Liebe von Natalie und Henry, die ihren gemeinsamen Weg noch vor sich haben. Diese Szene gehört zu den ein-drücklichsten des Abends, da die beiden Paare akustisch und schauspielerisch sehr gut harmonieren.


Diana geht noch einmal zum Arzt, der ihr eine weitere EKT-Behandlung rät. Diese lehnt sie jedoch nachdrücklich ab. Und im Hintergrund wird Gabriel wieder präsenter.


Ein erstes und letztes Mal kümmert sich Diana um ihre Tochter, die von Henry zum Ball eingeladen wurde. „Fast normal“ ist ein sehr schönes Duett von Fortenbacher und Hanimyan

in denen sich zarte Bande der Annäherung ausmachen lassen. Beide Frauen legen eine gute Energie in ihre Interpretation und zeigen sehr viel Gefühl. Doch der Neuanfang wird von Gabriel gestört: Er wirft einen Papierflieger in Richtung der Frauen und bringt sich so wieder direkt in Dianas Gedanken ein.


Diana zieht einen Schlussstrich. Fortenbacher darf dies einmal mehr in einem sehr ruhigen Solo intonieren („Ich werde Dich verlassen“). Sie lässt Dan keine Wahl.


Plötzlich meldet sich auch bei Dan das Unterbewusstsein zu Wort und er sieht das, was Diana die letzten Jahre gesehen hat: ihren gemeinsamen Sohn Gabriel. Dass Dan mit einem Mal zu seinen offenbar verdrängten Gefühlen und Halluzinationen steht, kommt für die Zuschauer sehr unerwartet. War er doch sonst eine sehr starke Persönlichkeit. Doch Gabriel ist sehr eindringlich in seinem Begehren und schlussendlich ergibt sich Dan seinem Schicksal und akzeptiert, dass Gabriel fortan auch ein Teil seines Lebens sein wird.


Dass das Stück mit dem hoffnungsfrohen „Licht“ endet, kann man mögen oder auch nicht. Gut ist sicherlich, dass man noch einmal alle sechs Darsteller auf der Bühne vereint sieht. Und sicherlich lässt sich auch für jeden Charakter sein ganz persönliches Licht am Ende des Tunnels finden. Aber irgendwie wirkt dieser versöhnliche, friedliche Abschluss etwas zu sehr gewollt und passt nicht so recht zur dramatischen Handlung.


Wie eingangs erwähnt, braucht es bei „Next to Normal“ Charakterdarsteller, die eine emotionale Achterbahnfahrt glaubhaft über die Rampe bringen können. Robin Brosch gelingt dies auf der schauspielerischen Ebene hervorragend, gesanglich muss man bei ihm jedoch leider ein paar Abstriche machen.


Elias Krischke und Alice Hanimyan überzeugen schauspielerisch wie gesanglich gleichermaßen, obwohl bei beiden noch Luft nach oben ist. Die Rocknummern stehen den Nachwuchsdarstellern sehr gut zu Gesicht und sie können sich energetisch austoben. Dass ihnen das Freude macht, spürt man.

Gleiches gilt für Jan Rogler als Henry. Er hat zusammen mit Tim Grobe (Arzt) zwar die kleineren Rollen. Doch ihnen gelingt es, sich die notwendige Aufmerksamkeit zu verschaffen. Insbesondere Grobe bleibt als Rock-Doc in Erinnerung.


Last but not least bleibt noch Carolin Fortenbacher, die das Publikum hier in einer eher ungewöhnlichen Rolle erleben kann. Üblicherweise besticht Fortenbacher durch einen hohen Comedy-Anteil, Gespür für Wortwitz und ihre wandlungsfähige Stimme. Mit Ausnahme von letzterem bewegt sie sich bei „Fast normal“ auf weitgehend ungewohntem Terrain. Sie verfällt recht oft in Extreme, was aber auch den Regieanweisungen geschuldet sein mag. Ansonsten kann sie in einzelnen Szenen sehr überzeugen, in anderen weniger. Es fehlt ihr an Kontinuität über den Verlauf des Abends; nicht jede Szene wirkt authentisch, einige gar unfreiwillig komisch. Doch diese anspruchsvolle Figur stellt sicherlich für viele Darstellerinnen eine große Herausforderung dar.


Nur beim Schlussapplaus sichtbar, dafür aber den ganzen Abend umso besser zu hören, ist die fünfköpfige Band unter der Leitung von Matthias Stötzel. Die Musiker spielen Tom Kitts Partitur mit viel Schwung ohne zu übersteuern und rocken mit den Uptempo-Nummern das Haus. Genauso wünscht man sich eine Musicalband! Das ist einmal mehr der Beleg, dass man auch mit wenigen Musikern ein Statement in Sachen Rockmusical abliefern kann.


Von solchen Produktionen möchte ich in den Hamburger Kammerspielen gern mehr sehen!

Michaela Flint