HAROLD PRINCE

2013

 
 

Michaela Flint: Sie sind seit einigen Tagen hier in Hamburg und begleiten die finalen Proben zum „Phantom der Oper“ in der Neuen Flora. Wie gefällt Ihnen das Hamburger Ensemble?


Harold Prince: Es klingt zwar aufgesetzt, aber gestern Abend hatten wir einen magischen Moment. Zum ersten Mal haben alle Gewerke gemeinsam funktioniert; das Licht war perfekt, das Orchester klang wundervoll, die Sänger in ihren Kostümen sahen umwerfend aus. Ich habe ihnen gesagt, dass sie die Previews eigentlich gar nicht mehr brauchen und wir direkt Premiere feiern könnten.

Wir haben hier in Hamburg eine tolle Cast. Sie kommen aus der ganzen Welt und dennoch fühlt es sich an, als seien wir eine große Familie.


Michaela Flint: Wenn Sie während der Proben zu einem Stück dazukommen, wie viel Einfluss haben Sie dann noch auf die Inszenierung?


Harold Prince: Sehr viel. Hier in Hamburg ist Arthur Masella der Resident Director. Er ist mein Assistent in New York und inszeniert seit Jahren alle internationalen Produktionen. Wir denken fast wie ein und dieselbe Person.


Wenn ich später im Probenprozess hinzukomme, habe ich Chance, mir alles unvoreingenommen anzusehen. Ich versuche aber nicht, die Show zu verbessern.

Seid authentisch!

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Das „Phantom der Oper“ hat seinen künstlerischen Höhepunkt vor langer Zeit erreicht. Also sehe ich es als meine Aufgabe an, jedes Ensemble an diesen Standard heranzuführen.

Der einzige Unterschied zwischen den Produktionen sind die Menschen. Die Darsteller, die die Rollen spielen, haben verschiedene Stärken und Persönlichkeiten. Ich möchte herausarbeiten, was jeden von ihnen einmalig macht und von den Rollen-Vorgängern unterscheidet.


Michaela Flint: In Ihrem letzten „musicals“-Interview sagten Sie, dass Sie gern Kleinigkeiten ändern, um den Darstellern eine neue, frische Perspektive zu geben.


Harold Prince: Das muss ich einfach machen. Die Resident Directors halten sich an meinen Regieplan, aber sie sollen auch auf die Stärken und Schwächen ihrer Schauspieler achten.

Ich ändere dann häufig etwas am Blocking. Ich lasse das auch niemanden anderen machen.

Der Grund sind die unterschiedlichen Bühnengrößen. Ich habe das Stück seinerzeit für ein 1200 Plätze Theater inszeniert; heute spielen wir es vor 1800 oder 2000 Zuschauern. Man muss es einfach größer inszenieren und die Darsteller müssen andere, längere Wege zurücklegen.


Michaela Flint: Welche Ratschläge geben Sie den Darstellern, wenn Sie den Proben beiwohnen?


Harold Prince: Mein Rat ist einfach und grundlegend: Seid authentisch!

Auch wenn es sich beim „Phantom der Oper“ um ein viktorianisches Melodram handelt, ist die Geschichte sehr menschlich. Das ist der Grund, warum die Zuschauer das Stück so mögen. Sie glauben den Charakteren, können sich in ihre Situation hineinversetzen und schon allein deshalb muss man ehrlich zu ihnen sein.


Der Film-Regisseur Robert Altman sagte einmal, ein gutes Casting macht 90 % der Inszenierung aus. Ich würde zwar die Prozentzahl leicht ändern, aber wichtig ist, dass die verbleibenden Prozente echt und authentisch sind. Man darf sein Publikum nicht durch irgendwelche Tricks täuschen. Auch bei einer fiktiven Geschichte wie der des Phantoms muss man immer ehrlich sein.


Michaela Flint: Schon vor zehn Jahren haben Sie in unserem Interview die Entwicklung weg von einzigartigen Musicalstoffen hin zu Disney-Produktionen und Compilation-Shows bedauert.


Harold Prince: Ich glaube, ich sage besser nichts mehr und bedauere dies im Stillen. (lacht)

Ohne ins Detail gehen zu wollen, gibt es in meinen Augen ein Standard, den alle Musicals erfüllen müssen. Diesen Massstab habe ich in den letzten 60 Jahren eingehalten. Und auch die drei neuen Shows, an denen ich arbeite, müssen diese Norm erfüllen.

Fakt ist, dass Musicals heutzutage viel beliebter sind als sie es damals waren, als sie in Europa Fuß fassten. Hauptgrund ist, dass durch das Ende des 2. Weltkriegs und den Fall des Eisernen Vorhangs durch den einsetzenden Tourismus ein ganz neues Publikum für Musicals entstand. Diese Zuschauer sprechen meistens nur wenig oder sogar überhaupt kein Englisch. Sie schauen sich Musicals an und mögen sie nicht wegen der Dialoge oder Songtexte, sondern wegen dem, was sie sehen. Die Musik trägt die Show.

Musicals sind heutzutage eine richtige Touristenattraktion.


Michaela Flint: Glauben Sie, dass einzigartige, kreative Stoffe und hochklassige Musicals, für die diese Branche früher so berühmt war, noch eine Chance haben?


Harold Prince: Auf jeden Fall! Auch das „Phantom der Oper“ ist so eine Show und besticht durch viele Details. Aber man kann das Stück auch genießen, ohne jede Kleinigkeit bewusst wahrzunehmen. Ich denke, ob ein Musical erfolgreich ist, hängt maßgeblich von der Kultur und den Traditionen jedes einzelnen Zuschauers ab.


Zwei Beispiele: „West Side Story“ ist das Paradebeispiel für eine New Yorker Story, aber heutzutage ist das Stück so international wie kaum ein anderes. Ein weiteres Beispiel, wo am Anfang niemand hat ahnen können, was daraus wird, ist „Anatevka“. Das Stück hat eine grund-jüdische Handlung, spielt in einem Shtetl in Russland und dank Jerôme Robbins Choreographien rückten die Traditionen immer mehr in den Mittelpunkt.


Traditionen sind nicht jüdisch, japanisch, russisch oder deutsch; Tradition ist Familie. Jeder, der dieses Stück sieht, nimmt genau das mit. Für mich ist „Anatevka“ eine Liebeserklärung an die Institution Familie, die immer mehr in Vergessenheit gerät. Ich habe leider nie mit meinen Eltern und Großeltern in einem Haus gelebt, aber meine Mutter ist in solch einem Mehr-Generationen-Haus aufgewachsen. Das muss eine wundervolle Zeit gewesen sein.


Ich weiß nicht, wie lange diese Entwicklung noch weitergeht, aber sehr viele Söhne und Töchter von Freunden bekommen ihre Kinder in ihren Vierzigern, das heißt wenn die Kinder das College verlassen , sind die Eltern um die 70. Das ist eine ganz andere Welt, in der Kinder heute aufwachsen.


Michaela Flint: In den letzten Jahren hat es sich zum Trend entwickelt, beliebte Bühnenmusicals auf die Kinoleinwand zu bringen. Hierzu zählen natürlich Joel Schumachers „Phantom der Oper“-Verfilmung und in diesem Jahr Tom Hoopers Version von „Les Misérables“.


Harold Prince: Einige sind sehr gelungen, andere weniger. Ich glaube, dabei sollten wir es belassen. „West Side Story“ und auch „Cabaret“ waren auch erfolgreiche Kinofilme, aber ich persönlich mochte die Bühnenfassungen lieber.

Einen Bühnenmusical für die Leinwand zu adaptieren, ist sehr schwierig. Szenen zu spielen und „Ich liebe Dich“ zu singen, ist im Film viel komplizierter.


Michaela Flint: Gibt es eine Art Wettbewerb zwischen Musicals auf der Kinoleinwand und Musicals im Theater?


Harold Prince: Nein, ich sehe hier keinerlei Konkurrenz. Ich hatte das Glück, an einem Musical beteiligt zu sein, dass jeden Filmerfolg um Längen schlägt. Ich sage das nicht, weil ich verantwortlich dafür bin, es ist pures Schicksal, dass wir in London schon seit 27 Jahren erfolgreich sind. Ich kann es mir nur so erklären, dass die Zuschauer sich das Stück mehrfach ansehen. Und inzwischen wächst eine neue Generation heran, die das Stück heute zum ersten Mal sieht. Das ist eine tolle Entwicklung!


Michaela Flint: Sie haben gesagt, dass es nicht darum geht, dem Publikum das zu zeigen, was es sehen will, sondern es dahin zu führen, was Sie als Musical-Macher es sehen lassen wollen.


Harold Prince: Daran glaube ich 100 %ig! Letztlich sieht jeder Zuschauer ein Musical ein wenig anders. Es ist also viel besser, wenn fünf Menschen ihnen etwas zeigen, was die Zuschauer annehmen und wertschätzen können.

Für mich war es immer wichtig, dass die Kulissen nicht echt sind. Ich ziehe leere Räume auf der Bühne vor: traumhafte Requisiten vor einer schwarzen Wand. Für mich ist klar, dass das Publikum die leeren Flächen füllt, jeder für sich, mit unterschiedlichen Tapeten, unterschiedlichem Design etc. Theater lädt ein, sich eine andere Welt auszumalen und vorzustellen. Das ist einer der Gründe, weshalb ich nicht so sehr an Kino und Fernsehen glaube: Hier werden alle leeren Flächen von vornherein ausgefüllt.


Michaela Flint: Wenn Sie sich etwas für die Musicalbranche wünschen könnten, was wäre das?


Harold Prince: Das Publikum wird immer anspruchsvoller. Wir müssen das, was die Musicals der 1960er Jahre ausmachte, auf die heutige Zeit übertragen. Sondheim-Musicals sprechen den Intellekt des Publikums an. In den 1920er und 1930er Jahren stand wie Musik im Vordergrund; die Bücher und Libretti waren albern. Sie dienten nur dazu, die wundervollen Songs zu verbinden.


Im Musical-Business ist das passiert, was der Populärmusik auch widerfahren ist: Theatermusik funktioniert nicht mehr als Popmusik. Heutzutage sind RnB und Rock'N'Roll populär. Diese Musikstile lassen sich aber nur sehr schwer für die Bühne adaptieren, da man die Worte nicht versteht. Worte und Texte sind für die Handlung eines Musicals aber unerlässlich Deshalb haben wir heutzutage Rockkonzerte auf der einen Seite und Book Musicals auf der anderen Seite.


Michaela Flint: Kann man heutzutage Musicals noch wirklich erfolgreich produzieren?


Harold Prince: Sicher. Aber alles, was solange läuft wie das „Phantom der Oper“ ist eine Ausnahme. Aber es gibt jedoch auch neuere Shows, die beispielsweise „Wicked“ oder „Der König der Löwen“, die lange erfolgreich laufen.

Was wir – hoffentlich nur zweitweise – verloren haben, sind die Musicals, die neben der Musik vor auch die Sprache als Medium benutzen. Da wir Shows für ein vielsprachiges Publikum produzieren, rückt die Sprache immer weiter in den Hintergrund.


Michaela Flint: Würden Sie sagen, dass es typisch für die deutsche Musicallandschaft ist, dass man lieber ältere, bereits anderswo erfolgreich erprobte Shows zeigt?


Harold Prince: Der Import von amerikanischen Musicals nach Europa hat eine lange Tradition. Rolf Kutschera, der langjährige Direktor vom Theater an der Wien, spielte eine große Rolle als es seinerzeit darum ging, Stücke wie „A Little Night Music“, „Evita“ oder „A Kiss Of A Spiderwoman“ nach Europa zu bringen. Er war ein guter Freund von mir. Leider ist er letztes Jahr verstorben. Aber ich bin immer wieder gern hergekommen, um mit ihm in Wien zu arbeiten.

Doch es gibt auch neue Musicals, die in Europa entstehen. Michael Kunze hat mit „Rebecca“ und „Tanz der Vampire“ neue Stücke geschrieben, die in Deutschland sehr erfolgreich waren.


Michaela Flint: Also sind Michael Kunze & Sylvester Levay für den deutschsprachigen Musicalmarkt das, was Andrew Lloyd Webber und Stephen Sondheim für England und die USA sind?


Harold Prince: Es gibt große Unterschiede zwischen diesen Musicalnationen. Etwas, was in Deutschland funktioniert, wird nicht notwendigerweise nach Amerika exportiert. Und es gibt auch zahlreiche Shows bei uns, die niemals in Europa laufen würden. Ich habe an einigen mitgearbeitet, die sehr amerikanische Themen behandeln. Stephen Sondheims „Company“ habe ich sowohl in New York als auch in London inszeniert und im West End hat es fantastische Kritiken bekommen. Wir hatten zwar den Vorteil, dass es in der gleichen Sprache gezeigt wurde, aber das Publikum wurde einfach nicht warm damit. Die britische und amerikanische Lebensweise sind eben nicht dieselbe. Also wurde es dort schnell wieder abgesetzt.


Michaela Flint: Wenn ein junger Autor oder Komponist Sie um Rat fragen würde, wie er sein Stück am besten auf die Bühne bringen könnte, was würden Sie ihm antworten?


Harold Prince: Ich weiß gar nicht, ob ich jemals einen solchen Rat gegeben habe. Aber ich sage immer, dass man sich selbst ausdrücken muss. Es geht – erneut – nicht darum, herauszufinden, was das Publikum möchte, sondern was man als Musical-Macher zeigen möchte. Wenn man dann noch über Sinn für Stil und ein gewisses elitäres Denken verfügt, kann man sich glücklich schätzen. Ich schätze elitäres Denken sehr, nur kann man dies von der Mehrheit des Publikums nicht erwarten. Also muss man sein Publikum in einer Sprache ansprechen, die die meisten verstehen. Sag einfach, was Du denkst, textlich oder musikalisch, und hoffe, dass es eine hohe Qualität hat und es genug Leute verstehen und schätzen. Das ist reine Glückssache.

Ich hatte schon immer Geschmack und Stil und ich stand ehrgeizig hinter jedem meiner Projekte, aber ich war nie so „avantgarde“, dass ich die große Mehrheit des Publikums nicht erreichte.


Michaela Flint: Wenn Sie auf Ihre 60 Jahre Jahre Berufserfahrung im Musical-Business zurückblicken, gibt es Musicals, auf die sie stolz sind oder bei denen sie bereuen, dass sie sie inszeniert haben?


Harold Prince: Oh ja, jedes Mal, wenn ein Musical nicht erfolgreich ist, bedaure ich, dass ich daran mitgewirkt habe. Es gibt nur Erfolg oder Misserfolg. Manchmal muss man einfach eine Show machen, weil man einen Job braucht, auch wenn man keine wirkliche Idee hat, wie man das Stück inszenieren soll. Also arbeitet man daran und bedauert es gleichzeitig. Aber so ist das Leben. Man kann nicht immer Erfolg haben.

Es gibt viele Musicals, auf die ich sehr stolz bin und auch einige, über die wir besser nicht reden.

Natürlich bin ich stolz auf das, was wir mit dem „Phantom der Oper“ erreicht haben. Auch „Company“, „Sweeney Todd“ und „Evita“ habe ich sehr gern gemacht. Gerade bei „Evita“ habe ich Dinge ausprobiert, die ich vorher nie gemacht habe und sie haben funktioniert. Darauf bin ich stolz. Genauso wie auf „Follies“. Es war sicherlich kein Verkaufshit, aber ich habe es sehr gern inszeniert.


Michaela Flint: Das Phantom der Oper in Hamburg ist die vierte deutsche Ensuite-Produktion. Können Sie noch zählen, wie oft Sie dieses Stück weltweit inszeniert haben?


Harold Prince: Nein, ich zähle da nicht mit. Aber für meine Rede bei den Tony Awards im Juni habe ich mir einige Zahlen geben lassen, die wirklich beeindruckend sind: Wir haben 65.000 Vorstellungen in 29 Ländern vor 115 Mio. Zuschauern gegeben. Wenn ich am Anfang meiner Karriere stünde, müssten sich alle weiteren Erfolge an diesem hohen Standard messen lassen.


Michaela Flint: Warum hat das „Phantom der Oper“ seinen Reiz auch nach 27 Jahren nicht verloren?


Harold Prince: Die Zeiten sind schwierig – aus verschiedensten Gründen: Die sozialen Rahmenbedingungen sind unterschiedlich, finanziell haben es viele Menschen schwer und auch politisch ist es heutzutage nicht einfach. In solchen Zeiten sollte man sich ein Ticket für das „Phantom der Oper“ kaufen und seine Sorgen für einige Stunden vergessen. Das „Phantom der Oper“ spielt 1870/1880. Die Geschichte ist kraftvoll, die Bühne traumhaft ausgestattet und die Musik ist wunderschön. Außerdem ist das Stück sehr romantisch. Genau das ist der Grund, weshalb Andrew Lloyd Webber und ich dieses Musical unbedingt auf die Bühne bringen wollten.


Viele Zuschauer haben mir gesagt, dass es etwas in diesem Stück gibt, dass sie wieder wie Kinder fühlen lässt. Wie damals als man zum ersten Mal ein Buch gelesen hat. Es ist wundervoll für uns alle, sich von Zeit zu Zeit in einer anderen Welt zu verlieren, die so gar nichts mit der realen Welt zu tun hat.


Michaela Flint: Wir danken Ihnen für dieses offene Interview und wünschen Ihnen für das „Phantom der Oper“ und Ihre weiteren Projekte alles Gute.


erschienen in musicals - Das Musicalmagazin

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