JENS JANKE

2004

 
 

In den vergangenen zehn Jahren stand der gebürtige Westfale in acht Großproduktionen und vielen Stadttheater-Musicals auf der Bühne. Meistens gehörte er dabei zur Erstbesetzung, doch nur einmal – nämlich als Zigeunerkönig Clopin in „Der Glöckner von Notre-Dame“ – war er in einer Hauptrolle zu sehen, die auch von außen als solche betrachtet wurde. Doch auch als Kronprinz Rudolf in der Wiener Inszenierung von „Elisabeth“, als Prof. Abronsius im „Tanz der Vampire“ in Wien und Stuttgart und als Harold Bride in „Titanic“ füllte er nicht eben kleine Rollen aus. Der IMAGE-Award, den er 1998 als bester Nebendarsteller für seine Interpretation des Tobias in „Sweeney Todd“ im Opernhaus Köln erhalten hat, macht deutlich, dass Jens Janke sich auch als Ensemble-Mitglied „bemerkbar“ macht.


Sein aktuelles Engagement bei „42nd Street“ in Stuttgart, der Frauenheld Billy Lawlor, wird nach außen hin nicht als Hauptrolle verkauft. Im Mittelpunkt sämtlicher PR-Aktionen stehen seine Kollegen Kevin Tarte (Julian Marsh), Isabel Dörfler (Dorothy Brock) und Karin Seyfried (Peggy Sawyer).


Michaela Flint: Billy Lawlor ist genauso wie der Funker Bride und Prof. Abronsius eine nicht gerade kleine Erstbesetzung, die aber von der Stage Holding nicht als Hauptrolle bewertet wird. Was bedeutet das für Sie?


Jens Janke: Es ist immer schwierig, die Rollen eines Stückes in Haupt- und Nebenrollen einzuteilen, denn dafür ist nicht allein die Größe der Rolle, die Anzahl der Lieder oder die Länge der Szenen ausschlaggebend, sondern auch die dramaturgische Funktion der Rolle – ist sie Teil des Konfliktes oder des Haupthandlungsfadens? Leider hängen von dieser Einteilung nicht nur die Applausordnung, sondern auch Presse- und Promotiontermine und nicht zuletzt auch die Gage ab.


Der Funker Harold Bride ist ganz klar eine Nebenrolle in „Titanic“. Eine wirklich zentrale Hauptrolle gibt es in diesem Stück meiner Meinung nach

Von der Gorch Fock in die Vampirgruft und weiter an den schillernden Broadway

http://vg01.met.vgwort.de/na/ff56683b4cf04555bdad92894822a291

aber sowieso nicht. Prof. Abronsius ist da schon spezieller, er ist fast den ganzen Abend auf der Bühne und eindeutig die komödiantische Hauptrolle des Stückes. 
Billy Lawlor ist zusammen mit Peggy Sawyer die einzige „Drei-Sparten-Vollblut-Musicalrolle“ in „42nd Street“. Die stimmlichen und tänzerischen Anforderungen an diese Rollen sind sehr hoch, beide stehen fast den ganzen Abend auf der Bühne und sind Solisten in den großen Nummern der Show. In diesem speziellen Fall habe ich wirklich ein Problem damit, dass Billy von der Stage Holding nur als „mittlere Nebenrolle“ eingestuft wurde. Aber dafür sind Fotos von Karin Seyfried und mir jetzt gerade auf allen Nutella-Gläsern. Solche Kooperationen haben sonst nur ganz große Tennis-Stars.


Michaela Flint: Was ist für Sie das Besondere an „42nd Street“? 


Jens Janke: „42nd Street ist bisher meine erste Show, in der niemand – und schon gar nicht der Großteil des Ensembles wie bei „Les Miserables“ oder „Titanic“ – stirbt. Ich muss auch keinen Mord oder Selbstmord begehen wie bei „Elisabeth“, „Gambler“ oder in „Sweeney Todd“. Das ist wirklich ungemein heilsam fürs Gemüt… 
Zudem ist „Billy Lawlor“ eine große Herausforderung, weil es eine der wenigen Rollen ist, die gleichermaßen Tanz, Gesang und Schauspiel erfordert. 


Michaela Flint: Vom Professor über einen Funker hin zu einem steppenden Frauenhelden… Der Professor und der Funker waren eher schauspiel- und gesangslastig – Billy Lawlor dagegen bewegt sich in erster Linie tanzend bzw. steppend über die Bühne. Wie war die Umstellung für Sie? Haben Sie für diese Rolle extra Tanzstunden genommen? 


Jens Janke: Nein, ich tanze und steppe seit vielen Jahren und habe auch in Wien an der „Universität der Künste“ und am „Tanz- und Gesangstudio Theater an der Wien“ Stepptanz unterrichtet. Es wäre illusorisch zu glauben, dass man sich die erforderlichen Steppkenntnisse für „42nd Street“ mal eben während der achtwöchigen Probenphase aneignen könnte…  


Michaela Flint: Acht Shows in der Woche steppen sind auch im Musicalbereich eine außergewöhnliche Belastung. Was machen Sie, um sich sprichwörtlich „auf den Beinen zu halten“? 


Jens Janke: Morgens nach einer Doppelvorstellung tun die ersten Schritte vom Bett zum Bad schon ziemlich weh. Da hilft nur tägliches WarmUp vor der Show und danach duschen, baden, salben usw. 


Michaela Flint: Hatten Sie nicht auch die Möglichkeit in Hamburg zu bleiben, um den Prof. Abronsius im „Tanz der Vampire“ in der Neuen Flora zu spielen? Warum haben Sie sich für Billy Lawlor und „42nd Street“ entschieden? 


Jens Janke: Nach den Auditions im letzten Sommer war ich ziemlich in einer Zwickmühle. Es war sehr schmeichelhaft, für beide Premieren eine Hauptrolle angeboten zu bekommen und ich liebe den Vampirjäger Abronsius. Aber seit ich 1990 „42nd Street“ in Wien gesehen habe, wollte ich einmal auf der großen Dollarmünze steppen. Dass ich als Billy Lawlor bei einer weiteren deutschen Erstaufführung zur Premierenbesetzung gehöre, spielte natürlich auch eine Rolle bei meiner Entscheidung.  


Michaela Flint: Was ist für Sie das Faszinierende an Ihren Job? 


Jens Janke: Helden, Verlierer, Liebhaber, Mörder, Narren, Genies, Wahnsinnige, Lebemänner – die Bandbreite von Erfahrungen, die man auf der Bühne machen kann, ist einfach viel größer als die eines einzigen Lebens. Das hat mich von der Schule an fasziniert und tut es immer noch, zumal ich bisher auch das Glück hatte, eine ungewöhnliche Vielfalt an Rollen darstellen zu dürfen.  


Michaela Flint: Vor Ihrer Ausbildung zum Musical-Darsteller haben Sie auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ als Funker die Welt umsegelt. Wieso haben Sie das Schiff gegen die Bühne eingetauscht? 


Jens Janke: Die Funkerei und ihre technischen Aspekte haben mich damals sehr interessiert. Ich habe als Funker eine schöne und interessante Zeit auf der „Gorch Fock“ gehabt, aber ein Traumberuf im Sinne von „das ist die Erfüllung meines Lebens“ war es nicht.
Während meiner Weltumsegelung auf der „Gorch Fock“ habe ich in Sydney „Les Miserables“ gesehen. Das ist eine lange Geschichte von einem einzigartigen Abend in meinem Leben… Fakt ist, dass mich die Show so nachhaltig beeindruckt hat, dass ich seit diesem Abend Sänger und Schauspieler werden wollte – und geworden bin.  


Michaela Flint: Wie und wo haben Sie Ihre Ausbildung gemacht? Was hat Sie in dieser Zeit besonders geprägt? 


Jens Janke: Ich habe drei Jahre an Peter Wecks „Tanz- und Gesangstudio Theater an der Wien“ studiert. Prägend war vor allem die Wiener Kulturszene, die täglich eine unglaubliche Palette an Oper, Schauspiel, Ballett und Musicals bietet. Dort habe ich dann auch meine Frau kennen gelernt, die in Wien Theaterwissenschaften studierte.  


Michaela Flint: Sie arbeiten in Stuttgart, Ihre Frau in Berlin – ist das auf die Dauer nicht sehr belastend? 


Jens Janke: Es ist nicht einfach, aber wir wissen beide, dass das im Theaterberuf unvermeidlich ist. Durch diese jobbedingte Trennung gehen wir bewusster miteinander und der gemeinsamen Zeit um. Und wer weiß, vielleicht zieht „42nd Street“ in nicht zu ferner Zukunft nach Berlin um…  


Michaela Flint: Mit zwei Haushalten, die zudem noch mehrere hundert Kilometer auseinander liegen, ist Ihre Freizeit sicherlich sehr begrenzt. Bleibt da noch Luft für Hobbies? 


Jens Janke: An den Wochenenden, d. h. montags/dienstags, bin ich so oft ich kann in Berlin. In Stuttgart kümmere ich tagsüber vor allem um meine Bonsais, nachts sitze ich meistens vor dem Computer. Ich freue mich schon jetzt auf den Sommer, darauf mein neues Fahrrad einzufahren, die Sonnenstunden im Möhringer Freibad und die beginnende „Nicht-mehr-nur-Trockenanzug-Tauchsaison“.
Meine Freizeitgestaltung ist im Wesentlichen auf Entspannung aufgebaut. Ich brauche nicht wirklich einen Ausgleich oder gar ein Kontrastprogramm zu meinem Job. Im Gegenteil, ich gehe nach wie vor auch als Zuschauer gern ins Theater, sogar in Musicals.  


Michaela Flint: Ehrlich? Gibt es ein Musical, das Sie besonders gern ansehen? 


Jens Janke: Mein „all-time-favourite“ ist „Sweeney Todd“ von Stephen Sondheim. Die Geschichte ist fantastisch, intelligent, lustig, gruselig, die Musik atemberaubend. Vor allem „Not while I´m around“ ist einfach wunderschön!  


Michaela Flint: Wie sieht Ihre Zukunftsplanung aus? Welche Rolle möchten Sie unbedingt noch mal spielen? 


Jens Janke: Ich möchte mich in der Zukunft weniger an den Rollen orientieren und mehr an meinem Privatleben, d. h. je näher an Berlin, desto reizvoller die Rolle. Ein „unbedingt“ gibt es nicht mehr.
Aber Prof. Abronsius würde ich jederzeit wieder spielen und auch Billy Lawlor würde mir viel Spaß machen – in Berlin. Bei „Sweeney Todd“ sind alle Rollen eine echte Herausforderung an den Schauspieler und ich könnte mir gut vorstellen, darin in einem Stadttheater mitzuwirken. Gleiches gilt für „Sunday in the Park with George“. 


Michaela Flint: Viele Musicaldarsteller engagieren sich auch außerhalb des Theaters, z. B. auf Galas.Oer sie produzieren eigene CDs. Haben Sie da auch Ambitionen? In der Vergangenheit war in dieser Richtung von Ihnen noch nicht allzu viel zu sehen… 


Jens Janke: Stimmt. Ich liebe es einfach, Rollen auf der Bühne zu durchleben. Mehr oder weniger „nackte“ Galas hatten für mich noch nie einen Reiz. Die meisten „Meine-liebsten-Musical-Songs“-CDs finde ich sehr eintönig, außerdem glaube ich nicht, dass ich eine bessere machen könnte, also lasse ich lieber die Finger davon. Eine CD-Produktion mit Liedern von Perrin Allen (Musikalischer Leiter von „Mamma Mia!“ Anm. d. Red.) oder Couplets von Wolfgang Adenberg wäre reizvoll, aber bisher gibt es noch keine konkreten Pläne. 


Michaela Flint: Ich bin nicht sicher, wie groß der Fankult bei „42nd Street“ ist, aber ich könnte mir vorstellen, dass viele ehemalige „Tanz der Vampire“-Fans aus dem Schwäbischen auch „42nd Street“ in ihr Herz geschlossen haben. Was bedeuten Fans für Ihre Arbeit? 


Jens Janke: Die „Tanz der Vampire“-Vorstellungen, in denen hunderte weitere Vampire im Zuschauerraum saßen, waren schon etwas Besonderes. Wenn ein Stück eine große Fangemeinde anziehen und binden kann, dann ist das eine tolle Bestätigung für alle Beteiligten und gibt einem das gute Gefühl, etwas richtig Tolles gemacht zu haben. 
Mit einem „Star-Kult“ konnte ich noch nie etwas anfangen, ich freue mich aber immer sehr, wenn mir – wie gerade erst vorgestern eine junge Frau aus Wien – Menschen erzählen, dass ich der Auslöser war, einen Theaterberuf zu ergreifen. Das ist das schönste Kompliment, das es gibt.


Mehr Informationen unter www.jensjanke.de


Michaela Flint

veröffentlicht in blickpunkt musical

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