JESPER TYDÉN

2004

 
 

Nur selten trifft man einen Musical-Darsteller, der parallel für drei Großproduktionen tätig ist und „nebenbei“ noch Solo-Konzerte gibt und an der ersten eigenen CD arbeitet. Der Schwede Jesper Tydén ist solch ein Ausnahmetalent! Im Sommer stand er bei den Bregenzer Festspielen als Tony in der »West Side Story« auf der Seebühne, gab den Chris bei »Miss Saigon« in St. Gallen und probte bereits als Kronprinz Rudolf für die Wiederaufnahme von »Elisabeth« in Wien. Auf die Frage, woher er die Kraft nimmt, das alles durchzustehen, antwortet er: „Eigentlich wollte ich es dieses Jahr ruhiger angehen lassen. Deshalb habe ich auch bei »Elisabeth« in Essen aufgehört.


Aber als ich das Angebot für den Chris in »Miss Saigon« bekam, konnte ich genauso wenig nein sagen, wie beim Engagement für die »West Side Story« in Bregenz. Der Tony war immer eine Traumrolle für mich und ich habe in Bregenz viel dazu gelernt. Es ist vielleicht wirklich zu viel, aber es macht mir eben wahnsinnig Spaß in verschiedenen Rollen auf der Bühne zu stehen. Die Kraft dafür schöpfe ich direkt aus der Musik. Es ist schon ziemlich hart so oft auf der Bühne zu stehen, aber ich versuche mich durch Training fit zu halten und das bringt sehr viel.“


Nach seinem Gesangs- und Musicalstudium in Stockholm und Göteborg machte der sympathische Tenor Station in Berlin und spielte den Hauptmann Phoebus in »Disney’s Der Glöckner von Notre Dame«. Ab 2001 kreierte er die Rolle des Kronprinzen Rudolf für die Deutschland-Premiere von »Elisabeth« in Essen. Ein Musical, das ihm sehr ans Herz gewachsen ist: „»Elisabeth« hat eine Anziehungskraft, die wirklich außergewöhnlich ist. Es ist ein deutsches Stück, das für ein deutschsprachiges Publikum geschrieben wurde. Dadurch wirkt es authentisch und kann qualitätsmäßig mit dem internationalen Standard mithalten. »Elisabeth« ist wirklich etwas Besonderes!“


Das ist auch einer der Gründe, warum er nach nur wenigen Monaten »Elisabeth«-Abstinenz seit Oktober wieder als Rudolf auf der Bühne steht.

Jesper Tydén – auf allen Bühnen zu Hause

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Diesmal allerdings im geschichtsträchtigen Theater an der Wien. „Ich finde es wunderbar, in der Jubiläumsshow mit dabei zu sein! Jeder Tag ist wie eine Gala-Vorstellung! Es ist unglaublich, wie das Publikum reagiert! Wir sind bis Ende der Spielzeit ausverkauft! Es rufen sogar Leute aus Japan an, um Tickets zu buchen. »Elisabeth« im Theater an der Wien ist ganz Speziell. Ich bereue es auf keinen Fall, dass ich dieses Engagement angenommen habe. Natürlich wollte ich mehr Zeit für mich und meine anderen Projekte haben und neben »Miss Saigon« nirgends auf der Bühne stehen. Rudolf ist eine Rolle, die ich schon kenne und die mich nicht so viel Energie kostet. Zudem spiele ich ja nicht alle sieben Shows in der Woche, sondern maximal vier oder fünf. Da bleibt schon noch etwas Zeit für mich. Außerdem hatte ich vorher noch nie in Wien gespielt. Hier ist das Musicalleben sehr außergewöhnlich und es ist gar nicht so leicht, in diese eingeschworene Familie hineinzukommen. Ich fühle mich inzwischen sehr wohl in Wien; es ist eine bezaubernde Stadt!“


Dass der 28-Jährige die Musik über alles liebt, merkt man sofort. Er opfert fast jede freie Minute dafür und gönnt sich kaum eine Verschnaufpause. Wenn er nicht auf einer Musical-Bühne steht, feilt er in seinem eigenen Tonstudio an seiner ersten Solo-CD oder stellt das Programm für seine Solo-Konzerte zusammen. Dass das aber nicht nur schön ist, sondern durchaus auch Schattenseiten hat, ist ihm bewusst. „Ich war seit fünf Jahren nicht mehr zu Hause in Stockholm. Keine der Städte, in denen ich bisher ein Theater-Engagement hatte, war ein echtes zu Hause für mich. Das ist etwas, was ich wirklich ändern möchte. Zehn Jahre unterwegs ohne richtiges Heim, da wird man irgendwann verrückt. Das ständige Umziehen ist einer der größten Nachteile an meinem Job; und wenn man eine Beziehung hat oder Familie wird es noch viel schwieriger.“

 


Entspannung findet Jesper Tydén beim Yoga: „Yoga ist ein hartes Stretching-Programm für meinen Körper, bei ich so richtig gut relaxen und die Seele baumeln lassen kann.“ Das Wort Alltag kennt der junge Schwede nicht. „Die schönste Zeit des Tages ist für mich das Frühstück. Zum Glück kann ich fast jeden Tag ausschlafen und lade meine Batterien bei einem ruhigen, ausgedehnten Frühstück auf. Danach geht’s dann meistens an den Computer, wo ich die Songs für meine CD zusammenstelle und komponiere. Als Ausgleich gönne ich mir ab und an eine Massage, bei der mir die Verspannungen einfach weg geknetet werden. An anderen Tagen muss ich morgens um sechs Uhr aufstehen und nach St. Gallen fliegen, dort spiele ich dann gleich zwei »Miss Saigon«-Vorstellungen und komme erst am nächsten Mittag nach Wien zurück, wo ich mich dann gleich auf die »Elisabeth«-Show am Abend vorbereiten muss.“


Mit seinem Solo-Konzert in der Nähe von Hamburg begeisterte er am 12. Dezember 2003 fast 200 Fans, die für ihren Star aus ganz Deutschland – teilweise sogar aus Japan – anreisten. „Ich mache diese Konzerte ‚For the love of music’. Der Name ist Programm! Ich bin ja ein klassischer Sänger und habe Pop eigentlich immer nur für mich selbst gemacht. Doch bei diesem Projekt ist die Mischung einfach fantastisch. Ich kann verschiedene Stilarten und Stimmgefühle ausprobieren. Bernd Steixner (Musikalischer Leiter von »Elisabeth« in Essen und jetzt von »Les Misérables« in Berlin, Anm. d. R.) und ich experimentieren mit der Stimme, mit dem Klavier und mit der Musik. Wir testen aus, wie weit wir gehen können, ohne dass es kitschig wird.“ Ganz bewusst hat er keinen Song aus »Elisabeth« in sein Solo-Programm aufgenommen. „Ich kann verstehen, dass die Menschen mich mit Rudolf in Verbindung bringen. Aber ich möchte mit diesem Konzert mal etwas anderes machen. Außerdem ist eigentlich kein Song aus »Elisabeth« als reines Solo-Stück geeignet.


Jesper Tydén offenbart mit seiner Kombination aus schwermütigen Stücken eine musikalisch äußerst anspruchsvolle Bandbreite seines Könnens. Dass die Musical-Hits am Ende des Programms am meisten Beifall finden, liegt in erster Linie an deren größeren Bekanntheitsgrad. Denn stimmlich präsentiert er auch die ersten beiden Blöcke seines Konzerts unwahrscheinlich einfühlsam und ausdrucksstark.


Eine echte Traumrolle hat der beliebte Darsteller nicht. Neben »Martin Guerre«, das seit Jahren von Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg – den Schöpfern von »Les Misérables« und »Miss Saigon« – überarbeitet wird, reizen ihn auch »Jekyll&Hyde« und »Chess« sehr. „Ich mag dramatische Stücke, die eine richtige Geschichte erzählen und bei denen der Fokus auf der Musik beruht, um die Dramatik hervorzuheben.“ Warum er die Gelegenheit nicht genutzt hat, in seinem absoluten Lieblings-Musical mitzuspielen, erklärt Jesper Tydén so: „ Es wäre schön gewesen, bei »Les Misérables« auf der Bühne zu stehen, aber ich wollte etwas mehr Ruhe haben und das geht einfach nicht, wenn man einen Jahresvertrag mit acht Shows pro Woche hat. »Les Misérables« ist ein sehr hartes Stück. Und wenn ich etwas anfange, dann stecke ich da auch meine ganze Energie hinein. Ich hatte einfach Angst, mich auf der Bühne so zu verausgaben, dass ich dann keine Kraft mehr für meine anderen Projekte haben würde.“


Auch das nächste Jahr ist schon bis September mit Terminen und Engagements gefüllt: „Bis April bleibe ich beim Theater an der Wien, danach habe ich ein paar Wochen Urlaub und werde nach Asien fliegen, um mal richtig auszuspannen. Diesen Urlaub brauche ich dringend, denn ab Mitte/Ende Mai geht es schon wieder mit den Proben für die »West Side Story« in Bregenz los. Und auch bei »Miss Saigon« in St. Gallen werde ich im kommenden Jahr wieder auf der Bühne stehen. Was ab Herbst kommt, weiß ich noch nicht. Ich würde unglaublich gern mehr kreativ arbeiten und eigene Songs komponieren. Vielleicht kommt aber auch ein neues, spannendes Angebot, bei dem ich nicht nein sagen kann und doch wieder in einer großen Ensuite-Produktion lande. Ehrlich gesagt, ist es für mich aber auch sehr schwierig ohne die ganze Spannung und Energie, die man für die Bühnenarbeit braucht, zu leben.“


Die bevorstehenden Feiertage sind symptomatisch für das derzeitige Leben von Jesper Tydén: „Ich feiere Weihnachten mit meiner Familie in Schweden. Ganz klassisch. Aber leider bin ich nur zwei Tage dort. Am 25. und 26. Dezember stehe ich bei »Elisabeth« auf der Bühne, am 29. und 30. Dezember spiele ich wieder den Chris in St. Gallen und Silvester bin ich dann wieder Rudolf. Das ist hart und stressig. Aber ich bin ja auch ein Stück weit selbst schuld daran, dass ich so viel zu tun habe. Und es gefällt mir, solange die Qualität nicht darunter leidet. Es klingt etwas seltsam, aber »Miss Saigon« ist wie erfrischende Brise für mich. Wenn ich aus St. Gallen nach Wien zurückkomme, habe ich wieder mehr Energie für »Elisabeth«.“

 

Der Mann scheint ohne Stress nicht so recht glücklich zu sein! Es bleibt nur zu hoffen, dass seine Wünsche für das Neue Jahr in Erfüllung gehen und er die Ruhe und Kraft findet, sich seinen Traum von einer eigenen CD mit selbst komponierten Songs erfüllen kann.


Mehr Informationen unter www.jespertyden.com

Michaela Flint

veröffentlicht in blickpunkt musical

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