JOHN LEHMAN

2004

 
 

Die 23 Mitglieder des Hamburger Musicalchors MusicAlive bringen am 18. Juni 2004 „Company“ von Stephen Sondheim auf eine Hamburger Bühne. Die deutschen Texte dieser Produktion stammen aus der Feder von Erfolgsautor Michael Kunze. John Lehman, der musikalische Leiter des Chors, übernimmt in Personalunion zusätzlich die Rollen des Regisseurs und des Bühnenbildners. Um hinter die Kulissen dieses ehrgeizigen Projekts zu schauen, hat sich Blickpunkt Musical zu einem ausführlichen Interview mit John Lehman getroffen.


Michaela Flint: Was ist das Besondere an der Arbeit mit MusicAlive?


John Lehman: Als ich MusicAlive im Januar 2003 kennen lernte, beeindruckten mich der Elan und die Freude am Singen, die die einzelnen Chormitglieder ausstrahlten. So etwas kann man niemandem beibringen, das entsteht aus einer sehr guten Chemie innerhalb einer Gruppe. Das Ensemble hatte Spaß und da dachte ich mir: „Mit denen möchte ich gern zusammenarbeiten!“


Michaela Flint: Worauf haben Sie bei der Auswahl des Stückes geachtet?


John Lehman: Die Auswahl des Stücks war ziemlich schwer für mich, denn ich konnte nichts aussuchen, das ein großes Bühnenbild oder opulente Kostüme erforderte.

Sondheims „Company“ mit einem Amateurchor

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Es musste ein modernes und eher kleines Musical sein. Viele der Shows wie zum Beispiel „Celebration“ sind Revue-artig inszeniert und haben nur eine kleine Besetzung. So etwas schied also auch aus, denn MusicAlive hat über 20 Mitglieder. Auch Stücke wie „Hair“ oder „Godspell“ musste ich ausschließen, dass das Rollenalter deutlich jünger ist als das Durchschnittsalter der Chormitglieder, das bei ca. 30 Jahren liegt. Ein Musical mit ein paar Solisten und einem großen Ensemble wie „My Fair Lady“ wollte ich auch machen. Und da MusicAlive Sänger und keine Tänzer sind, war es auch nicht möglich Stücke wie „A Chorus Line“ einzustudieren.


Michaela Flint: Das sind eine ganze Menge Ausschlusskriterien. Was hat schließlich den Ausschlag für Stephen Sondheims „Company“ gegeben?


John Lehman: Ich habe mir die Chormitglieder angesehen und geprüft, welche Charaktere am besten zu ihnen passen. Und welche Art von Stück am besten zu MusicAlive passen würde.
„Company“ ist – obwohl es in den 60ern geschrieben wurde – ein sehr modernes Stück. Das Buch von George Furth hat einen ähnlichen Comedy-Stil wie Sit-Coms à la „Golden Girls“. Ich finde es wirklich sehr witzig. Außerdem liebe ich Sondheim. Seine Stücke waren zwar selten wirkliche Kassenschlager, aber immerhin war „Company“ sein erfolgreichstes Stück am Broadway.
„Company“ ist eine Show, die die Vielfältigkeit der Menschen zeigt: Es geht um Verlustängste, Befürchtungen, die eigene Unabhängigkeit zu verlieren, doch man findet nur völlige Freiheit, wenn man sich einem anderen Menschen bedenkenlos hingibt. Die Hauptfigur Robert findet genau das Stück für Stück – mit jeder Szene ein bisschen mehr – heraus.
Alle, die an dieser Produktion von „Company“ arbeiten, entdecken Teile von sich selbst in dieser Show und lernen sich dadurch selbst besser kennen. Es ist wie meine Frau sagt: Wenn man ins Theater geht, möchte man sich in jeder Figur auf der Bühne wieder entdecken, man möchte mit fühlen. In einem guten Theater funktioniert das und das Publikum kommt bewegt aus der Vorstellung heraus. Genau das ist mein Ziel für die Inszenierung von „Company“ mit MusicAlive.


Michaela Flint: Wie haben Sie die Rollen innerhalb des Ensembles besetzt? Nach welchen Kriterien haben Sie die einzelnen Chormitglieder ausgewählt?


John Lehman: Ich habe nicht viel nach speziellen physischen Merkmalen ausgewählt. Es ging mir primär darum zu sehen, welche Paare optisch zusammen passen. Die Qualität des Menschen stand im Mittelpunkt meiner Rollenauswahl. Ich denke, man kann nur authentisch eine Rolle spielen, wenn man Teile von ihr in sich wieder findet und diese akzeptiert. Die Qualität wie jemand läuft, spricht, wie kristallklar sein deutsch ist oder ob er mit Akzent spricht – all dies sind Merkmal nach denen ich mir im Vorwege Gedanken über die Rollenbesetzung gemacht habe.
Ein guter Schauspieler erkennt, dass in jedem einzelnen die Qualitäten aller anderen Menschen stecken: Jeder hat die Anlage ein Jesus oder Judas zu sein.
Meinen Schauspielern versuche ich das so zu vermitteln: Suche nach einer Situation in Deinem Leben, wo Du geizig, faul oder lustig bist. Dieses Gefühl akzeptiere, ohne es zu bewerten und übertrage es auf die Bühne. Wenn ich eine Eigenschaft an mir erkenne und sie für mich okay ist, wirke ich auf einer Bühne authentisch. Und genau das überträgt sich auf das Publikum.
Die wichtigste Eigenschaft für einen Schauspieler ist jedoch zuhören! Man muss vollkommen im Hier und Jetzt sein, um auf seinen Schauspielpartner eingehen zu können. Um das nachvollziehen zu können, habe ich jedem Mitglied von MusicAlive eine Auflistung mit den verschiedenen Charaktereigenschaften seiner Rolle gegeben. So lernen sie, alle Charaktere auf der Bühne zu mögen – mit all ihren positiven und negativen Eigenschaften.


Michaela Flint: Wie laufen die Schauspielproben ab?


John Lehman: Wenn wir eine Szene stellen, erwarte ich, dass die Schauspieler ihre Texte bereits auswendig kennen. Dann lasse ich sie erstmal selbst einen Versuch starten und gucke ihnen genau zu. Ich versuche festzustellen, welche Bewegungen sie natürlich machen würden und greife dann leicht steuernd ein.
Die Körpersprache ist immer stärker als die Stimme, deshalb ist es besonders wichtig, dass alle Bewegungen natürlich und motiviert wirken. Häufig sagen Regisseure ihren Darstellern nur, dass sie sich von A nach B bewegen sollen. Sie sagen ihnen aber nicht warum. Das ist auch für erfahrene Schauspieler sehr problematisch.
Manchmal ist es geradezu erfrischend, dass das Ensemble von MusicAlive nicht aus Profis besteht, denn sie äußern eigene Ideen und probieren sie auch aus. Ein Musical lebt von dieser Art der Zusammenarbeit und gemeinsamen Erarbeitung von Szenen.


Michaela Flint: Wie sieht es aus mit der Choreographie? Studieren sie diese auch gemeinsam mit dem Ensemble ein?


John Lehman: Nein, dass macht Mecki Fiedler. Ich bin sehr froh, dass wir sie für unser Projekt gewinnen konnten, denn das, was sie beispielsweise für „Sing! Sing! Sing!“ war sehr gut. Das lag vor allem daran, dass es fließend choreographiert war und dadurch wiederum sehr natürlich aussah.
In „Company“ gibt es zwei Szenen, in denen die choreographische Erfahrung von Mecki Fiedler zum Tragen kommt: In der Mitte des ersten Akts tritt das Damen-Trio mit einem choreographierten Lied – ganz ähnlich wie die „Andrew Sisters“ – auf. Und dann gibt es die Eröffnungsszene des 2. Akts, wo das gesamte Ensemble auf der Bühne ist.


Michaela Flint: Sie haben als Musikalischer Leiter auch die Verantwortung für das Orchester. In welcher Form wird dies bei dieser Produktion berücksichtigt?


John Lehman: Wir planen mit einer kleinen Band bestehend aus Klavier, Bass, Schlagzeug, einem Holzbläser und Keyboards – für Blechbläser, Streicher und „Special Sounds“ wie das Klingeln von Telefonen o. ä. Mein Wunsch ist es, die Band für das Publikum nicht sichtbar im hinteren Teil der Bühne zu platzieren. Davor stehen die Podeste, auf denen das Ensemble spielt. Zusätzlich wird es von einer Großstadt-Skyline verdeckt, die von oben herabgelassen den hinteren Teil der Bühne abdeckt.


Michaela Flint: Wer kümmert sich um die Kulissen? Gibt es einen eigenen Bühnenbildner, der die einzelnen Szenen umsetzt?


John Lehman: Wir haben zwar nur ein kleines Budget, doch ich habe den Anspruch, alles so günstig wie möglich, aber so professionell wie nötig zu inszenieren. Einen eigenen Bühnenbildner werden wir nicht haben. Ich entwickle die Szenenbilder und mache mir Gedanken über die Kulissen. Sie müssen passend für kleine Theater sein, dass heißt in erster Linie transportabel und lagerbar. Für ihren Einsatz auf der Bühne bedeutet dies, dass die meisten Dinge permanent zu sehen sein werden, dort durch Drehen einzelner Gegenstände ergeben sich neue Szenenbilder. Drei bewegliche Podeste helfen am augenfälligsten zur Änderung des Bühnenbildes.
Der Kulissenumbau wird durch die Darsteller selbst vorgenommen. Ich stelle es mir so vor, dass wir die Umbaupausen, von denen keine länger als maximal 30 Sekunden dauern darf, so gestalten, dass das Publikum sichtbar mit erlebt, wie die Zeit vergeht. Ich denke, die Zuschauer werden ihren Spaß daran haben zu sehen, wie sich das Bühnenbild ändert.


Michaela Flint

unveröffentlicht

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