KAI BRONISCH

2007

 
 

Die beiden Schmidt-Häuser in Hamburg – das Schmidt Theater und das Schmidts Tivoli – gelten als eingeschworene Gemeinde. Die Darsteller wechseln sich in den verschiedenen Stücken ab, handverlesene Nachwuchstalente werden gefördert, nur selten verlässt jemand die Schmidt-Familie endgültig.


Nun hat diese sehr spezielle Hamburger Familie Zuwachs bekommen; von Nachwuchs kann man jedoch bei einem gestandenen Musical-Darsteller wie Kai Bronisch nicht sprechen. Seit 1997 spielte er in verschiedensten Musicalproduktionen auf den Bühnen Deutschlands. Nebenbei dreht er noch für das Fernsehen (zurzeit „Marienhof“).


Zurzeit steht der sympathische (Wahl-)Hamburger in vier Produktionen parallel auf der Bühne: „Les Misérables“ und „Heidi“ in Dessau, „Kuss der Spinnenfrau“ in Lübeck und eben „Villa Sonnenschein“ in Hamburg. Und schon im Sommer beginnen die Proben für „Les Misérables“ in Lübeck. Da drängt sich unweigerlich die Frage auf, ob man bei so vielen Bühnen-Engagements nicht durcheinander kommt?


Kai Bronisch: Ich fühle mich sehr privilegiert, dass ich die Möglichkeit habe künstlerisch in einer solch großen Bandbreite aktiv zu sein, denn meine Rollen sind sehr unterschiedlich. Vor allem bin ich glücklich, dass ich das alles auch logistisch hinbekomme.


Das ist vielleicht sogar die größere Herausforderung: Spielen in Hamburg, Lübeck und Dessau und bis vor kurzem Dreharbeiten in München. Das geht natürlich alles nur in Absprache mit den Theatern, denn für jede Rolle, die ich spiele, brauche ich einen Cover.


Michaela Flint: Ist es nicht ein ziemlich harter Bruch zwischen einer Fun-Show wie „Villa Sonnenschein“ und „Les Misérables“ von einem Tag auf den anderen?

Kai Bronisch über Puppenspielen, Stadttheater und seinen West End Traum

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Kai Bronisch: Ja, der Bruch ist schon sehr stark. Am schlimmsten war es als ich morgens in Dessau „Heidi“ geprobt habe und abends in Lübeck „Ladies Night“ spielen musste. Unterschiedlicher können Rollen kaum sein. Aber in dem Moment, wo ich ein Theater betrete, befasse ich mich nur noch mit der aktuellen Rolle. Alles andere blende ich aus. Ich empfinde es als meine Pflicht als Schauspieler in dem jeweiligen Stück immer 100 %ig präsent zu sein.


Michaela Flint: Wenn Sie ständig auf Achse sind und von einem Theater zum anderen durch die halbe Nation reisen – wann finden Sie Zeit zum Entspannen?


Kai Bronisch: Zum einen kann ich mich auf den Zugfahrten immer sehr gut entspannen. Zurzeit genieße ich es aber sehr, dass ich mit der U-Bahn zur Arbeit fahren kann und nicht drei Stunden irgendwohin fahren oder gar fliegen muss. Ansonsten bin ich ein sehr häuslicher Typ und treffe mich gern mit Freunden. Natürlich mache ich auch Sport, aber es gibt auch Tage, an denen ich einfach nur zu Haus bin und nichts mache oder im Internet surfe.


Michaela Flint: Stimmt es, dass das Schmidt’s ein ganz besonderes Theater ist?


Kai Bronisch: Auf jeden Fall. Das Theater hat seinen ganz eigenen Charme. Es ist ein sehr familiäres Haus. Alle, die hier arbeiten, sind ein besondere Schlag Mensch. An den anderen Stadttheatern hängt immer noch ein Riesenapparat an Künstlern und Sparten dran. Hier kennt man einfach jeden. Alle wollen hier sein und haben Lust hier zu spielen.


Michaela Flint: Wie sind Sie zum Schmidt Theater gekommen?


Kai Bronisch: Ich bin sehr gut mit Nik Breidenbach befreundet, der den Dr. Mathieu vor mir gespielt hat. Und da wir vom Typ her recht ähnlich sind, schlagen wir uns manchmal gegenseitig vor. So erhielt ich eines Tages einen Anruf und wurde zum Vorsingen und Puppenspielen eingeladen. Dafür muss man schon ein gewisses Talent mitbringen, aber ich habe einfach eine Szene improvisiert, was offensichtlich für gut befunden wurde.


Michaela Flint: Ist es schwer, mit der Puppe umzugehen?


Kai Bronisch: Nein, ich würde es eher als spannend bezeichnen. Ich stelle hier ja nicht meinen eigenen Körper und mein Können in Vordergrund, sondern muss alles durch meinen rechten Arm in die Puppe leiten, um Dr. Mathieu diese Rolle spielen zu lassen. Es eine unglaublich große Herausforderung, aber zugleich auch ein großer Spaß. Das hängt damit zusammen, dass ich mich von der Figur distanzieren kann. Ich kann viel offener und offensiver spielen als sonst. Das ist für mich eine ganz neue Art von Kreativität. Wenn man das Ganze perfekt beherrscht, entwickelt die Puppe ihr Eigenleben.


Michaela Flint: Haben Sie durch die Puppe nicht eine größere Distanz zum Publikum?


Kai Bronisch: Nein, denn wir verstecken uns ja nicht hinter den Puppen. Da ich Dr. Mathieu ja meine Beine und Stimme leihe, bin ich mir meiner Präsenz sehr bewusst. Der Glücksfall ist allerdings der, dass mich die Zuschauer hinter der Puppe nicht mehr wahrnehmen. Deshalb versuche ich immer so zu spielen, dass Dr. Mathieu vor meinem Gesicht ist. Wir versuchen quasi durch die Puppen hindurchzugucken und nicht daran vorbei eine zweite Spielebene zu schaffen.


Michaela Flint: Ihre bisherigen Engagements waren meist bei eher unbekannten, aber deshalb nicht weniger anspruchsvollen Musicals wie „Me and my Girl“ oder „Kuss der Spinnenfrau“ o. a., die viele für besonders wertvoll halten. Ist das Absicht oder Zufall? Suchen Sie sich Ihre Rollen nach dem Anspruch des Stücks aus?


Kai Bronisch: Irgendwie bin ich da von Anfang an reingeschlittert. Ich hatte mich gerade entschlossen, meine Ausbildung an der Stage Schoool abzubrechen, weil ich damit nicht so richtig zufrieden war und auf Privatunterricht umzuschwenken, als ich durch einen Zufall von der „Tommy“-Audition in Lübeck erfahren habe. Ich habe mich dort total blauäugig beworben und wurde direkt genommen. Die Kontakte, die ich vor zehn Jahren gemacht habe, tragen mich auch heute noch.
Dadurch, dass ich immer an Stadttheatern gespielt habe, hatte ich häufiger die Chance, in Stücken zu spielen, die nicht „Mainstream“ sind. Ich habe dort nur wenig Vorgaben und kann eine Rolle von Null auf kreieren. Ich möchte meine Rollen mit Liebe und Seele spielen und genau das ermöglichen mir das Schmidt’s und andere Stadttheater.


Michaela Flint: Das klingt fast so, als würde man Sie auf einer der großen Ensuite-Bühnen auch in Zukunft nicht antreffen.


Kai Bronisch: Ich weiche den Stücken der Stage Entertainment nicht bewusst aus, es ist nur bisher kein Musical dabei gewesen, in dem ich mich gesehen hätte. Außerdem drehe ich neben dem Theater noch für das Fernsehen und mache Werbung. Dafür brauche ich Zeit, die ich nicht hätte, wenn ich Ensuite spielen würde.
Natürlich habe ich auch probiert, mal in eine Ensuite-Produktion zu kommen: Mein erstes Musical war „Cats“ und ich wollte immer den Munkustrap spielen. Auch heute noch finde ich diese Rolle sehr interessant. Ich habe mich wirklich sehr oft auf diesen Part beworben und bin nie genommen worden. Da habe ich es dann irgendwann gelassen. Ich bin an Stadttheatern sehr erfolgreich, offenbar gehöre ich nicht in die Welt der Ensuite-Produktionen. Und genau das sehe ich jetzt als meinen Weg.


Michaela Flint: Gibt es denn noch einen Traum, den Sie sich beruflich erfüllen möchten?


Kai Bronisch: Ja, ich möchte unbedingt einmal im West End arbeiten. Meine beiden Top-Theater-Erlebnisse waren „Jerry Springer“ und „The Producers“. Beide Shows waren sehr innovativ. Aber sie haben mich vor allem deshalb gefesselt, weil ich bis heute nicht fassen kann, wie man mit soviel Energie und Lebensfreude spielen kann. Die Darsteller, die dort im Ensemble stehen, stehen hier in Deutschland in der ersten Reihe.
Ich wüsste zu gern, wie die das im West End schaffen, soviel Seele zu transportieren und sich achtmal pro Woche so zu motivieren, dass jede Show klingt wie eine Premiere und man das Gefühl, dass alle Schauspieler nur für einen selbst gespielt haben.


Michaela Flint: Aber ist es als Deutscher nicht extrem schwer, in London ein Engagement zu bekommen? Der Markt ist dort doch viel umkämpfter als hier und die Qualität der Künstler, wie Sie ja selbst beschreiben, um einiges höher.


Kai Bronisch: Dass das auch als Deutscher geht, hat meine Kollegin Julia Möller bei „Les Misérables“ gerade erst bewiesen. Auch Gido Schimanski war im Ensemble von der „Sinatra“-Show letztes Jahr dabei.
Mir ist vollkommen egal, in welchem Stück – obwohl sich natürlich „Avenue Q“ geradezu anbieten würde. Ich überlege ernsthaft, ob ich nicht nach London fliegen und an den nächsten Auditions teilnehmen soll.


Michaela Flint: Sie stehen auf der Bühne, vor der TV-Kamera und machen Werbung, Wofür schlägt Ihr Herz am meisten?


Kai Bronisch: Ganz klar für die Bühne. Ich mag es einfach, wenn der Vorhang aufgeht und keiner sagt: „Ey, das machen wir jetzt noch mal.“ Und das Ganze dann so oft bis es allen gefällt. Wenn auf der Bühne etwas nicht funktioniert, muss man eben improvisieren und es wieder hinbiegen.


Michaela Flint: Bei Ihrer Premiere als Dr. Mathieu hat man live erlebt, dass Sie ein Talent für Improvisationen haben. Wie viel konnten Sie von sich selbst in die Rolle mit einbringen? Immerhin gibt es die Figur schon seit eineinhalb Jahren.


Kai Bronisch: Mir wurde von Anfang an freie Hand gelassen. Ich konnte mir eine eigene Stimme und eigene Charakterzüge für Dr. Mathieu ausdenken. Gemeinsam haben wir meine Ideen dann bewertet, verworfen oder weiter ausgebaut. Da hier alle Rolle mehrfach besetzt sind, ergeben sich auch immer wieder neue spannende Konstellationen mit anderen Energieflüssen. Keine Show ist wie die andere – das ist für mich ein Geschenk.


Michaela Flint: Obwohl Dr. Mathieu nun wahrlich kein Sympathieträger ist?


Kai Bronisch: Ist er nicht? Ich finde eigentlich schon. Er wird nur verkannt (lacht). Ich werde sonst meistens für die netten Jungs besetzt, da macht es sehr viel Spaß, hier einen Charakter zu spielen, der nicht so nett ist. Natürlich ist Dr. Mathieu ein Unsympath, er macht einfach das, was er will. Und genau das finde ich toll. Mit dieser Puppe kann ich eine ganze Menge Dinge machen, die ich selbst nicht tun würde.


Michaela Flint: Wir danken Ihnen für dieses nette Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Spaß als „Bad Guy“ Dr. Mathieu.


Mehr Informationen unter www.kaibronisch.de

Michaela Flint

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