2015

LIEBE STIRBT NIE

 
 

Denkt man an Andrew Lloyd Webber, kommen einem zwangsläufig seine in den 1970er und 1980er Jahren komponierten Musicals „Phantom der Oper“, „Jesus Christ Superstar“ und „Cats“ in den Sinn. Die Melodien sind gefällig und wirklich weltbekannt. Mit „Love Never Dies“ versuchte Lloyd Webber vor fünf Jahren, sein leicht angestaubtes Image loszuwerden. Doch die von ihm ersonnene und von Frederick Forsyth zu Papier gebrachte Fortsetzung der bekanntesten Musical-Liebesgeschichte floppte in London, kam gar nicht erst an den Broadway und auch die Spielzeiten in Melbourne und Sydney waren nicht von langer Dauer.


Kurz zur Handlung: Zehn Jahre nach den dramatischen Ereignissen in der Pariser Oper nimmt Christine Daaé ein Engagement in New York an, um die Spielschulden ihres Gatten Raoul zu begleichen. Die Eltern kommen dem Wunsch ihres Sohnes Gustave nach und besuchen Coney Island. Was sie nicht wissen, ist, dass das Phantom als Mr. Y dort das Varietétheater Phantasma betreibt.

An Intensität kaum zu überbieten

Noch immer sehnt er sich nach seiner großen Liebe Christine. Die beiden treffen aufeinander und ihre Liebe flammt erneut auf. Christine wehrt sich lange, da sie Raoul sehr liebt. Aus alter Verbundenheit erfüllt sie dem Phantom den Wunsch noch einmal ein Stück von ihm zu singen – in dem festen Glauben, dass sie danach unbehelligt mit Mann und Sohn abreisen kann. Sie ahnt nicht, dass das Phantom Raoul erpresst hat und sich die beiden Männer auf eine Wette um die Liebe Christine eingelassen haben. Christine ist hoch erfreut, ihre alte Weggefährtin Meg Giry auf Coney Island wiederzutreffen. Deren Eifersucht auf Christine und insbesondere auf Gustave, der sich schnell als Sohn des Phantoms herausstellt, führt schlussendlich zur Katastrophe: In ihrem Wahn erschießt Meg Christine. Phantom und Raoul sind in Trauer vereint, doch das Phantom zieht sich zurück. Gustave erkennt die tiefen Gefühle, die das Phantom für seine Mutter hegt und geht zu ihm. Findet das Phantom in seinem Sohn eine neue Muse???


Drei Wochen nach der deutschsprachigen Premiere im Hamburg sitzen die Zuschauer in einem fast halbleeren Operettenhaus und schauen gebannt auf die Bühne. Die Coney Island andeutenden Kulissen sind schillernd und erschaffen spielend die Illusion eines Vergnügungspark-Theaters. Die Ouvertüre ist packend und voluminös und steigert die Erwartungshaltung noch weiter (Musikalische Leitung: Bernhard Volk). Leider ist der Prolog etwas langatmig, doch schon in seiner ersten Szene gibt Gardar Thor Cortes als Phantom einen der beiden Showstopper zum Besten. Er bringt  „So sehr fehlt mir dein Gesang“ mit unglaublich viel Gefühl über die Rampe und zieht das Publikum damit sofort in seinen Bann. Es ist beinahe magisch, was der Isländer mit seiner Stimme zu erreichen vermag. Er singt nahezu akzentfrei und verfügt zudem über eine Präzision in Gesang und Schauspiel, die ihresgleichen sucht. Zu diesem Casting kann man Lord Lloyd Webber, der den Hauptdarsteller selbst auswählte, nur gratulieren!


Masha Karell ist ebenfalls eine perfekte Wahl – in diesem Fall für die gealterte, verbitterte, aber nicht minder gestrenge Mme Giry. Energisch behauptet sie ihren Platz auf der Bühne und und ihr Gesang geht unter die Haut. Als ihre Tochter Meg ist an diesem Abend Dörte Niedermeier zu sehen. Sie ist ehrgeizig, will es dem Phantom – oder Mr. Y wie er sich jetzt nennt – um jeden Preis recht machen („Alles, was Euch gefällt!“) und ist bereit, über sämtliche Grenzen hinauszugehen. Niedermeier überzeugt vor allem in den Tanzszenen. Doch auch schauspielerisch ist Meg im „Phantom II“ weniger süßlich und zu Ende hin wild entschlossen angelegt. Gesanglich ist diese Figur im Phantom der Oper Sequel einmal mehr unterrepräsentiert.

Als die ewige Liebe des Phantoms, Christine Daaé, darf das Publikum an diesem Abend Jazmin Gorsline lauschen. Die zierliche, elegante Sopranistin füllt die Rolle schauspielerisch ohne Probleme aus. Zudem nimmt sie jede gesangliche Hürde spielend und rührt mit dem Titelsong „Liebe stirbt nie“ zu Tränen. Auch Gorsline singt nahezu akzentfrei. Ein Lob an die Phonetik-Trainer des Operettenhauses!

Auch szenisch – das clever ausgeleuchtete Bühnenbild ist die Fortsetzung der Pfauenfedern in Christies Kleid – ist dieser Moment beeindruckend umgesetzt.


In ihren Duetten überbieten sich Cortes und Gorsline gesanglich gegenseitig. In manchen Momenten wird dies insbesondere schauspie-

lerisch zu viel, da Simon Philipps ein wenig zu verkrampft versucht, die Intensität von Gesang und Melodie für das Publikum auf der Bühne sichtbar zu machen.


Ygnve Gasoy-Romdal, der schon in jungen Jahren den Vicomte de Chagny im 1. Teil des „Phantom der Oper“ singen  durfte, übernimmt auch in der deutschsprachigen Fortsetzung die Rolle von Raoul. Er spielt den emotional zwischen der Liebe zu seiner Frau und ihrem (vermeintlich) gemeinsamen Sohn sowie den Schuldgefühlen wegen seiner Spielsucht und seiner hohen Neigung zum Alkohol zerrissenen Comte sehr glaubwürdig. Sein musikalischer Schlagabtausch mit dem Phantom („Wer verliert, geht unter“) gehört zu den Highlights des Abends.


Die Opulenz dieser Produktion ist nicht auf den ersten Blick sichtbar, doch die wunderschönen, detaillierten Kostüme des Ensembles spiegeln den Zirkuscharakter von Coney Island genauso treffend wider wie die Eleganz von Christine und ihrer beiden Verehrer die Pariser Opernwelt (verantwortlich: Gabriela Tylesova).


Herausragend in Sachen Ausstattung ist die Szene im Spiegelkabinett, in der Mr. Y dem kleinen Gustave seine wirklich schauderhafte Kuriositätensammlung zeigt („Wo die Schönheit sich verbirgt“). Doch auch musikalisch zeigt diese Szene einen anderen Andrew Lloyd Webber: Dunkel und doch schwungvoll, verwirrend und disharmonisch hat das Zusammenspiel von Szene und Musik einen durchaus verstörenden Charakter.


„Liebe stirbt nie“ ist ein mehr als würdiger Nachfolger des 1980er Jahre Klassikers. Es bietet musikalisch Ungewöhnliches, beeindruckende Szenenbilder und Kostüme, hat eine kurzweilige Story. Diese Grundvoraussetzung, gepaart mit der exzellenten Besetzung, klingt nach einem Erfolgsgaranten. Dazu gibt es noch jede Menge Gänsehautmomente - zugegebenermaßen vorrangig ausgelöst durch die hohe Qualität des Gesangs von Gardar Thor Cortes. Umso erstaunlicher ist es, dass es der Stage Entertainment nicht gelingt, das 1.500 Plätze Theater zu füllen. Die Kreativen, auf, vor, unter und hinter der Bühne haben definitiv höchste Anerkennung verdient!

Michaela Flint