LUCIANO DI GREGORIO

2003

 
 

Michaela Flint: Sie gehören zum Ensemble von »Mamma Mia!« und stehen seit der Premiere sowohl für Ihren Ensemble-Part als auch für den Cover von Sky – eine der Hauptfiguren in diesem Musical - auf der Bühne des Operettenhauses in Hamburg. Wollten Sie schon immer Musicaldarsteller werden?


Luciano Di Gregorio: Eigentlich nicht. Ursprünglich wollte ich mit meiner Band aus dem Saarland Popmusik machen. Zum Musical bin ich erst 1993 kommen als ich in Saarbrücken zum ersten Mal »Jesus Christ Superstar« gesehen habe. Da mich Schauspiel, Gesang und Tanz gleichzeitig gereizt haben, wuchs von da an die Idee, eine Musicalausbildung zu machen.


Ich habe mich also eher spät – erst mit 16-17 Jahren – für diesen Beruf entschieden. Normalerweise hat man ja schon viel früher eine Ahnung, dass man zum Theater möchte, aber das einzige, was ich damals unter Theater verstand, waren melodramatische Shakespeare-Stücke oder Opern, was ich nicht unbedingt machen wollte.

Da handfeste Musik für mich sehr wichtig ist, werde ich auch irgendwann in Zukunft wieder mehr in diese Richtung gehen. Zurzeit arbeite ich parallel mit einem Produzententeam an aktuellen Popsongs. Und auch mit meiner Band spiele ich – wenn es meine Engagements zulassen – sehr gern auf Events außerhalb des Musicalbusiness.


Michaela Flint: Ihre Ausbildung haben Sie dann an der Hamburger Stage School of Music, Dance an Drama gemacht. Während und nach Ihrer Ausbildung haben Sie in zahlreichen Musicals mitgespielt – haben Sie ein Lieblingsmusical oder eine Rolle, die Sie besonders gern spielen würden?


Luciano Di Gregorio: Als ich anfing, mich mit Musical zu befassen, mochte ich Stücke wie die »Rocky Horror Show«, »Jesus Christ Superstar« oder die »West Side Story« sehr gern. Auch viele Sondheim-Stücke, wie »Assassins« oder »Company« mag ich sehr.

Einblicke in das Leben eines Ensemble-Darstellers

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Ein Kindheitstraum von mir war, eines Tages Rusty, die Dampflok aus »Starlight Express«, zu spielen. Aber ein absolutes Lieblingsstück von mir ist »Rent«! Ich hatte auch ein Angebot aus der Schweiz, diesen Sommer den Roger zu spielen, was dann aber leider doch nicht zustande gekommen ist. Aber diese Rolle wäre ein echter Traumpart für mich.


Michaela Flint: »Mamma Mia!« ist eine der großen deutschen Ensuite-Produktionen. Es gibt insgesamt 37 Ensemble-Mitglieder. Auch »Mozart!«, wo Sie ja ebenfalls zur Besetzung dazu gehörten, war so eine „Riesenproduktion“. Sie haben aber auch schon einige Male im Hamburger Imperial Theater auf der Bühne gestanden. Können Sie sagen, was Ihnen besser gefällt?


Luciano Di Gregorio: Beides hat seine Vorteile. In so einer großen Produktion genießt man den Luxus fast mit Samthandschuhen angefasst zu werden. Es gibt sehr viele Leute, die einen umsorgen. Man muss sich um nichts kümmern und kann sich ganz auf die Arbeit konzentrieren.


Im einem kleinen Haus wie dem Imperial Theater hängt sehr viel von uns Darstellern ab. Es wird erwartet, dass man sehr viel selbst einbringt. Man ist an der Entstehung der Stücke – sei es nun am Buch oder an der Choreographie – direkt selbst mitbeteiligt, man arbeitet zusammen und hilft sich gegenseitig. Nur so geht es in einem kleinen Haus – aber gerade das macht die Atmosphäre noch familiärer als in einer Großproduktion. Man muss viele Kompromisse eingehen, aber das Schöne an der Arbeit in kleineren Theatern ist auch die Publikumsnähe: Es ist einfach etwas anderes, wenn man auf die Bühne geht. Man kann den Leuten wirklich in die Augen sehen und sieht nicht erstmal eine schwarze Fläche wie in einem großen Theater. Es ist persönlicher und individueller. Ich muss gestehen, dass man sich in einem kleinen Haus viel mehr entfalten kann, weil man mehr von sich zeigen und facettenreicher arbeiten kann.


Wenn man in einer Ensuite-Produktion zum Ensemble gehört, versucht man in der Probenphase soviel zu entwickeln wie nur möglich, ist dann aber irgendwann sehr festgefahren. Bei »Mozart!« war es irgendwann so, dass man seinen Part spielte und nichts anderes einbringen konnte. In einem kleinen Haus ist es sehr wichtig, dass jeder einzelne Darsteller sehr aktiv ist, da solche Shows nicht von Effekten oder Bühnenbauten leben, sondern von den Darstellern, die da auf der Bühne die Show spielen.


Michaela Flint: Die Stage Holding weiß schon, weshalb sie viele ihrer Darsteller aus kleineren Häusern rekrutiert. Es fällt auf, dass bei »Mamma Mia!« und »Titanic« besonders viele Darstellerinnen und Darsteller arbeiten, die bisher in kleineren Häusern wie dem „Imperial“ oder dem „Schmidt“ in Hamburg auf der Bühne standen…


Luciano Di Gregorio: Richtig. Da der Nachwuchs in Deutschland noch nicht so weit war, griff man für die Umsetzung der Andrew-Lloyd-Webber-Klassiker, die den Boom hier in Deutschland ausgelöst haben, auf Kollegen aus den Staaten oder England zurück, die schon jahrelange Erfahrung damit hatten. Die Darsteller wurden dann ja auch dementsprechend behandelt und angehimmelt.


Das jetzt ist eine ganz andere Generation von Schauspielern. Es werden immer mehr deutschsprachige Künstler engagiert und da nimmt man natürlich gern die, die viele Erfahrungen in kleineren Häusern gesammelt haben. Man darf das nicht unterschätzen: An kleinen Häusern lernt man sehr viel; man kann sich austauschen, wächst an jeder Herausforderung und hat immer was zu spielen. Überhaupt ist die gute deutsche Aussprache – Gott sei Dank – sehr wichtig geworden.
Ich glaube, es sollte das Grundprinzip sein, dass das Publikum wieder lernt, wieder auf das Wesentliche zu achten oder seine Begeisterung für die Menschen auf der Bühne zu entdecken und nicht für Kronleuchter, die fallen oder Laserhimmel, die plötzlich aufgehen… Früher war es so, dass man von der ganzen Aufmachung und dieser Gigantomanie begeistert war.


Michaela Flint: Diesen Anspruch hat sicherlich auch die Stage Holding. Wenn man hört, dass Carolin Fortenbacher für die Hauptrolle sieben Mal vorgesungen hat, kann man sich vorstellen, dass die »Mamma Mia!«-Auditions sehr hart gewesen sein müssen.


Luciano Di Gregorio: Ja, die waren sehr nervenaufreibend. Die erste Audition, die ich mitgemacht habe war im Februar/März 2002 und ich fand sie vom Tanzen her sehr anstrengend. Es wurde genau selektiert, man wurde einzeln rausgepickt, in die Mitte gestellt und musste allein viel improvisieren. Das war auch eine der wenigen Auditions zu der man einen Monolog vorbereiten musste. Es ging dabei also sehr ins Schauspiel – das war sehr interessant. Es war sehr reizvoll und ich wusste schon nach der ersten Audition, wenn sie mir was anbieten, ich mach es auf jeden Fall, egal was es ist.


Michaela Flint: Nachdem Sie wussten, dass Sie zum »Mamma Mia!«-Ensemble gehören und auch Cover für die Rolle des Sky sein würden, wie haben Sie sich vorbereitet? Haben Sie die Show in London angesehen?


Luciano Di Gregorio: Ich selbst habe »Mamma Mia!« nicht gesehen. Ich kenne Ausschnitte und natürlich die englische Originalmusik von Abba. Dadurch, dass ich mittlerweile das Set, das Bühnenbild und die Kostüme gesehen habe, kann ich mir eine Vorstellung davon machen, in welche Richtung das ganze gehen wird.
Sofern es im Moment geht, läuft die Vorbereitung auf die Rollen parallel. Zunächst einmal bin ich First Cast Ensemble und da ist es natürlich sehr wichtig, dass alle Sachen sitzen. Sobald das der Fall ist werden wir richtig an die Rollenproben als Cover herangehen.

Wie ich an Rolle des Sky herangehe? Wenn ich neben den Ensembleproben Zeit habe, schaue ich bei den Proben der Erstbesetzungen zu. Für mich persönlich ist es sehr wichtig mitzubekommen, was unser Regisseur zu den Einzelproben sagt oder wie er an das Stück und an die Rolle herangeht. Natürlich werde ich mich auch mit Jörg Neugebauer, der Erstbesetzung von Sky, austauschen und vieles wird auch vom Buch vorgegeben. Man weiß, wie der Charakter ist, man kennt die Geschichte von Sky, wer er ist, was er von Beruf ist, seit wann er auf der Insel ist, warum er Sophie heiraten möchte bzw. warum sie heiraten möchte und daraus kann man sich für sich eine Idee zusammenbauen für die Figur.


Michaela Flint: Sie sind ja nicht der einzige Cover für Sky. Gibt es unter Ihnen eine Rangfolge wie an anderen Theatern mit Erstbesetzung, Zeitbesetzung, Erster Cover, Zweiter Cover usw., die bestimmt, wer wann zum Einsatz kommt?


Luciano Di Gregorio: Wir sind insgesamt drei Sky-Cover. Jede der Hauptrollen ist vierfach besetzt. Die Cover werden parallel einstudiert. Und eine Rangfolge soll es hier nicht geben. Es wird wohl so sein, dass man vorher festlegt, wer wann spielt, damit die Rolle im Fluss bleibt. Das ist natürlich sehr sinnvoll für die Produktion, wenn ein Cover nicht ständig eine neue Premiere hat, weil er eine Rolle lange nicht mehr gespielt hat.


Michaela Flint: Was finden Sie besonders reizvoll an »Mamma Mia!«? Gibt es Sequenzen, die Ihnen besonders gut gefallen?


Luciano Di Gregorio: Es ist eine Fun-Show! Wir haben alle viel Spaß daran. Ich bin davon überzeugt, dass man ins Theater geht, die Show sieht und dann wieder gut gelaunt nach Hause geht. Das ist einfach das Schöne daran… Die Musik ist flott – ich glaube, das ist das erste Musical, in dem jeder Song ein Hit ist.


Michaela Flint: Auf Englisch keine Frage. Aber funktioniert das auch auf Deutsch?


Luciano Di Gregorio: Es funktioniert total! Wir hatten alle Zweifel, waren alle skeptisch. Aber dadurch, dass sehr viele Songs Teil des Dialogs sind, passt es einfach zusammen. Ich glaube, es würde wirklich stören – wie Björn Ulvaeus auch sagte – wenn plötzlich auf einmal Englisch gesungen wird. Man vergisst tatsächlich, dass es sich um Abba-Songs handelt. Man versteht, worum es geht; versteht die Charaktere viel besser. Dadurch entsteht ein viel größerer Spannungs- und Entwicklungsbogen für den jeweiligen Charakter.

Es macht einfach Spaß… Die meistens Songs sind schnell, frisch und sehr lustig inszeniert! Die Leute werden lachen. Ruth Deny hat das Buch wirklich so gut übersetzt, dass man ein Eisklotz sein müsste, wenn man nicht wenigstens einmal in der Show ein Schmunzeln über die Lippen bekommt. An manchen Stellen werden die Zuschauer zu Tränen gerührt sein!
Und viele Songs sind choreographiert – ich komme in dieser Show tatsächlich wieder zum Tanzen. Die Stagings sind alle so gut und unterschiedlich, dass ich nicht sagen kann, welche Szene am schönsten ist. Natürlich habe ich ein paar Favoriten, aber ich kann wirklich nicht sagen, welcher Song besser oder schlechter ist.


Michaela Flint: Gab es eine Diskussion darüber, ob die Zugabe auch ausschließlich auf Deutsch gesungen wird? Denn jetzt ist es ja eine Mischung aus deutschen und englischen Songs.


Luciano Di Gregorio: Das war am Anfang wirklich die Frage... Wir haben sicherheitshalber beides einstudiert. Wir mussten ausprobieren, ob es Sinn macht, die Zugabe auf Englisch zu machen – quasi als echte Hommage an Abba. Denn sobald wir anfangen Englisch zu singen, hat das wirklich nichts mehr mit dem Stück an sich zu tun und ist mit der Handlung nicht mehr verflochten. Es geht dann wirklich darum, die Party-Stimmung im Publikum anzuheizen.
Ich glaube nicht, dass das eine besser oder schlechter ist als das andere... Das Publikum – und auch das Ensemble – hat jeden Abend eine tolle und spaßige Show!


Mehr Informationen unter www.luciano-di-gregorio.de

Michaela Flint

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