LUCY COSTELLOE

2008

 
 

Seit fast fünf Jahren ist die junge Engländerin nun in Hamburg. Sie kam mit dem „Tanz der Vampire“ in die Neue Flora und ist nach dessen Umzug ins Theater des Westens an der Elbe geblieben. Schon während ihrer Zeit als Vampir unterrichtete sie an der Joop van den Ende Academy Stepptanz; für die Europapremiere von „Dirty Dancing“ wurde ihr dann die Position des Dance Captains angeboten. Aber was genau gehört zu den Aufgaben eines Dance Captains? Wir trafen die 26jährige Engländerin und fragten nach.


Lucy Costelloe: Als Dance Captain ist es meine Hauptaufgabe, das generelle Niveau der Show zu halten. Dazu gehört neben permanenten Proben auch das Einarbeiten neuer Ensemble-Mitglieder. Jede Bewegung auf der Bühne, nicht nur die getanzten Schritte, sondern alle Auf- und Abgänge, wann wer welche Requisiten mitnimmt, liegt in meinem Verantwortungsbereich.


Michaela Flint: „Dirty Dancing“ ist ja kein Musical im eigentlichen Sinn. Der Tanz steht hier ganz besonders im Vordergrund.


Lucy Costelloe: Ja, diese Show ist reiner Tanz und reines Schauspiel. Es ist kein Musical, sondern wirklich wie im Film, eben nur jeden Abend live auf der Bühne.

Was macht eigentlich ein Dance Captain?

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Anders als bei anderen Musicals gibt es hier sehr viel Partnertanz. Wir haben zwei verschiedene Tanzstile, einmal den bekannten Ballroom-Style mit Cha-Cha-Cha, Mambo, Foxtrott und Walzer, und dann das richtige Dirty Dancing mit Salsa-Elementen usw. Unser Tanzensemble muss beide Stile perfekt beherrschen, da unsere Tänzerinnen und Tänzer sowohl die braven Hotelgäste spielen als auch das tanzende Personal im Kellerman’s.

Die größte Herausforderung ist für mich ist, dass es zwar unglaublich viele gute Tänzer gibt, die aber leider fast alle nicht gut genug Deutsch können, um den hohen Ansprüchen an die Dialoge gerecht zu werden. Entweder müssen die Tänzer noch zusätzlich Schauspiel- und Deutschunterricht nehmen, oder ich muss den deutschsprachigen Schauspielern das Tanzen von den Basics an beibringen. Eine perfekte Mischung gibt es kaum. Wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass wir alle Hauptrollen mindestens doppelt mit Covers besetzen, kann man sich in etwa vorstellen, wie schwierig diese Aufgabe zu lösen ist.


Michaela Flint: Ist es denn immer noch so, dass die Qualität der Darsteller aus dem Ausland höher ist als hierzulande?


Lucy Costelloe: Die Anforderungen der amerikanischen und englischen Choreographen sind sehr hoch. Da die meisten Stücke hier in Deutschland aus dem Ausland importiert werden, gibt es auch keine „Light“-Version von den Choreographien. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich habe das Gefühl, dass die Kollegen aus dem Ausland wesentlich härter trainieren und zu ihrem Job eine andere Einstellung haben. Ich vermisse hier ein bisschen die englische Mentalität: Sich selbst für seinen Job ans Limit zu bringen und stolz auf seinen Job zu sein. In Deutschland wird es einem recht leicht gemacht, krank zu sein. Die Ärzte und das soziale System sind hier einfach wesentlich besser. Es ist nicht so, dass ich sage, die Darsteller hier in Deutschland würden nicht hart arbeiten, aber ich denke, es ist noch reichlich Spielraum für mehr Anstrengungen vorhanden. In Deutschland gibt es viele Produktionen und viele gut bezahlte Jobs, aber es sind immer die gleichen Kollegen, die die Jobs dann bekommen. Aber die Shows sind hier nicht besser als bspw. in England und auch die Künstler sind gleich, nur gibt es eben einen entscheidenden Unterschied in der Einstellung. In London würde man zum Beispiel jeden Job machen, nur ein Engagement im West End in seinem Lebenslauf stehen zu haben. Natürlich ist die Konkurrenz dort auch immer noch viel größer als hier. Aber dennoch sind Cut-Shows im West End die absolute Ausnahme, während sie hier bei uns schon fast wöchentlich auftreten und leider fast zum normalen Alltag gehören.


Michaela Flint: Apropos Alltag, gibt es für einen Dance Captain so etwas wie tägliche Routine?


Lucy Costelloe: Nachdem ich die Krank- und Urlaubsmeldungen aus dem Betriebsbüro bekommen habe, muss ich jeden Tag aufs Neue schauen, ob wir etwas am normalen Ablauf ändern müssen. Wir haben von Dienstag bis Freitag immer eine halbstündigen Warm-Up 90 Minuten vor Showbeginn in dem wir dann einige Dinge auffrischen und ausbessern können. Einmal in der Woche gibt es dann eine richtige Session, in der die ganze Cast zusammenkommt und wir kritisch prüfen, wo wir noch etwas verbessern können.
Im Moment ist es recht ruhig, weil alle Covers einstudiert sind, aber von der Premiere bis letzten Herbst hatten wir fast täglich Tanzproben.
Cut-Shows sind fast immer ein Problem. Wir haben hier ja keine Formationen der Tanzreihen, wo wir einfach ein oder zwei Tänzer weglassen können. Bei uns ist jeder Track individuell mit einer total anderen Choreographie und lauter winzig kleinen Aktionen, die koordiniert werden müssen. In anderen Shows lernen Swings zwei bis drei Rollen und können bei Bedarf überall einspringen, weil die Choreographien sehr ähnlich sind. Bei uns ist jede einzelne Rolle mit sehr viel Lernaufwand verbunden.


Michaela Flint: Stehen Sie denn selbst noch mit auf der Bühne?


Lucy Costelloe: Ja, ich bin als Swing fast jeden Tag mit auf der Bühne. Wir haben zwar sehr viele Swings, die genau wie ich, alle Tracks beherrschen, und ich versuche auch immer alle anderen einzuteilen, bevor ich selbst mit auf die Bühne gehe.


Michaela Flint: Bleibt bei einem so zeit-und trainigsintensiven Job noch Zeit für Hobbies?


Lucy Costelloe: Mein Job ist mein Hobby. Ich bin jung und habe noch sehr viel Energie. Vor kurzem habe ich mit Paul Phelan die Costelloe Dance Foundation gegründet. Schon seit einigen Jahren spukte mir diese Idee im Kopf herum, dass man etwas machen müsse, um professionellen Tanz in Deutschland zu fördern.
Mit unserer Foundation verfolgen wir vier Ziele: Wir möchten eine Dance Academy für Kinder eröffnen, in der schon früh die Wichtigkeit und Erziehungskultur des Tanzens vermittelt wird. Die meisten Musicaldarsteller fangen erst mit 18 oder nach dem Abi mit ihrer Ausbildung an und machen dann ein bisschen Schauspiel, ein bisschen Gesang, ein bisschen Tanz. Aber zum richtigen Lernen von Tanz ist es dann zu spät. Um die entsprechende Statur und Flexibilität zu bekommen, die man für die anspruchsvollen Musicalchoreographien braucht, muss man schon früh mit dem Training beginnen.
Wir wollen an unserer Academy deutschsprachige Tänzer ausbilden, um die vorher beschriebenen Probleme in Zukunft nicht mehr zu haben, mit denen wir zurzeit in fast jeder Produktion kämpfen. Mit der Costelloe Dance Academy wollen wir das generelle Niveau vom Tanz auf deutschen Bühnen steigern.


Michaela Flint: Das klingt nach einem sehr ambitionierten Projekt. Haben Sie noch Unterstützung oder agieren Sie vollkommen unabhängig?


Lucy Costelloe: Wir arbeiten nach den Prinzipien der Royal Academy of Dance in London. Unsere Schüler werden ihren Abschlussarbeiten vor Prüfern dieser Londoner Hochschule ablegen können. Dennoch wird es kein Internat sein, sondern die Kinder werden neben der normalen Schule abends und an den Wochenenden bei uns Tanzen lernen. Dabei wird es für jeden Pflichtkurse in Ballett geben, aber die weiteren Kurse in Jazz, Step oder Modern können sich die Kinder selbst zusammenstellen.
Uns ist der Schwerpunkt Tanz sehr sehr wichtig. Es geht nicht darum, noch eine Musicalschule zu eröffnen, wo alles nur ein bisschen gelehrt werden kann, sondern wir wollen Kinder von klein auf an zum Tanzen erziehen und ihnen so ermöglichen, auf allen Musicalbühnen Deutschlands zu arbeiten.
Dafür werden wir jetzt als erstes Benefizveranstaltungen geben, um Geld zu sammeln, damit die Academy so schnell wie möglich mit ihrer Arbeit beginnen kann.


Michaela Flint: Bei diesem Projekt unterstützen wir Sie sehr gern. Wir danken Ihnen für den spannenden Einblick in Ihren Berufsalltag und wünschen Ihnen viel Erfolg für Ihre Foundation und Academy.


Weitere Informationen unter www.cdfoundation.de


Michaela Flint

veröffentlicht in blickpunkt musical

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