OLEGG VYNNYK

2005

 
 

Olegg Vynnyk steht seit März als Tod in der Stuttgarter „Elisabeth“-Inszenierung nahezu täglich auf der Bühne des Apollo Theaters. blickpunkt musical traf den sympathischen Ukrainer bei einem Hamburg-Besuch.


Michaela Flint: Mit Jean Valjean und dem Tod haben Sie in kurzer Zeit zwei der größten und beliebtesten männlichen Rollen im Musicaltheater übernommen.


Olegg Vynnyk: Ja, das stimmt. Ich kenne niemanden, der erst Jean Valjean gespielt hat und danach den Tod. Bei mir war der Übergang besonders passend, denn am 31. Dezember bin ich das letzte Mal als Jean Valjean gestorben und schon am 2. Januar stand ich für die Proben als Tod auf der Bühne.


Michaela Flint: Den Tod spielen Sie inzwischen mehr als vier Monate. Hat sich alles eingespielt?


Olegg Vynnyk: Ja – ich stehe im Wechsel sechs bzw. sieben Shows pro Woche auf der Bühne, sonst spielen die Cover-Besetzungen. Das Stück ist einfach toll. In dieser Rolle auf der Bühne zu stehen, ist ein bombastisches Gefühl.


Michaela Flint: Die Rolle des Todes in „Elisabeth“ wurde maßgeblich von Uwe Kröger geprägt. Setzen Sie sich mit Ihrem „Vorgänger“ in irgendeiner Weise auseinander?


Olegg Vynnyk: Nein, so was habe ich nie gemacht und werde ich nie machen. Das Schlimmste, was man machen kann, ist einen anderen Künstler zu kopieren. Wenn ein Künstler für eine Erstbesetzung ausgewählt wird, dann hat sich das Besetzungs-Team für eben diesen Darsteller bewusst entschieden.

Der Tod gibt sich die Ehre

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Ich hätte nie gedacht, dass ich Jean Valjean spielen würde, weil ich dafür mit knapp 30 eigentlich viel zu jung war. Bei den Auditions habe ich für Enjolras, den Studentenanführer, vorgesungen. Erst bei den Callbacks habe ich erfahren, dass man mich als Jean Valjean engagieren wollte. Ich glaube, ich war der jüngste Jean Valjean der Welt.


Michaela Flint: Wie haben Sie sich auf die doch sehr vielseitige Rolle des Todes vorbereitet?


Olegg Vynnyk: Ich habe mir natürlich die beiden Cast-Alben aus Wien und Essen angehört. Aber viel wichtiger ist, dass man auf der Bühne steht und die Rolle lebt. Das haben Michael Kunze und Sylvester Levay ganz deutlich gemacht.


Michaela Flint: Was macht den Tod Ihrer Meinung nach so faszinierend für Zuschauer und Künstler?


Olegg Vynnyk: Der Tod ist nicht nur die mystische Figur und der gefährliche Verführer. Vielmehr ist der Tod auf der einen Seite eher ein Briefträger, der schlechte Botschaften überbringt, und auf der anderen Seite ein Casanova. Er tötet niemanden selbst, sondern nimmt nur die Toten mit sich. Der Tod ist sehr intelligent und sieht, dass die Menschen sich ihre Probleme selbst machen. Warum streben alle nach Macht? Sie müssen eh alle sterben. Der Tod selbst ist nie böse, die Menschen sind böse.
Bei „Elisabeth“ kann der Tod sich in all seinen Facetten zeigen: vom verführerischen Liebhaber bis hin zur gefährlichen, mystischen Person.


Michaela Flint: Der Tod wird optisch als eher androgyne Gestalt dargestellt. Wenn man Ihr Aussehen bei „Les Misérables“ und „Elisabeth“ vergleicht, fällt auf, dass Ihre Muskeln sichtbar geschrumpft sind. Mussten Sie sie abtrainieren?


Olegg Vynnyk: Der Tod muss aussehen wie ein perfekter Mensch. Ein bisschen Macho, aber athletisch. Vor „Les Misérables“ habe ich viel Bodybuilding gemacht. Schon damals musste ich mit dem Krafttraining aufhören, da ein durchtrainierter Körper nicht zu meinem Rollenalter von 45-80 Jahren passte. Bei mir geht der Muskelauf- und -abbau zum Glück ganz schnell. Wenn ich jetzt drei Monate trainieren würde, wären alle Muskeln sofort wieder da. Aber es ist nicht so, dass ich gar keinen Sport mehr treibe. Ich halte mich schon fit. Zum Beispiel habe ich im Theater in den Kulissen eine Ecke gefunden, wo ich auch während der Show Klimmzüge machen kann.


Michaela Flint: Was machen Sie, wenn Sie nicht im Apollo Theater sind?


Olegg Vynnyk: Ich bin ein Familienmensch und ich bin sehr glücklich, dass meine Frau mit unserem kleinen Sohn nach Stuttgart gezogen ist, obwohl sie auch eine sehr gute Sängerin ist und eigene Engagements haben könnte.
Tagsüber habe ich oft Promotiontermine zu erledigen, aber abends nach der Show sitze ich dann häufig zu Hause vor dem Computer und komponiere oder arrangiere Songs.
Manchmal, wenn ich von einem Termin in einer anderen Stadt zurückkomme und mein Sohn plötzlich sitzen kann oder andere Fortschritte gemacht hat, weiß ich genau, dass ich ohne meine Familie nicht leben könnte. Ich wäre sehr unglücklich, wenn ich für ein längeres Engagement von ihnen getrennt wäre.


Michaela Flint: Einen eigenen Song haben Sie auf der Gala „Künstler gegen Aids“ im letzten Jahr in Berlin vorgetragen. Sie singen, komponieren, arrangieren – spielen Sie auch selbst ein Instrument?


Olegg Vynnyk: Ja, E-Gitarre spiele ich gut und sehr gern. Und ich den letzten Jahren habe ich auch Klavierspielen gelernt, was sehr beim Arrangieren hilft.


Michaela Flint: Schreiben Sie die Texte zu Ihren Songs auch selbst und – was vielleicht noch spannender ist: Wird es eine CD mit Ihren eigenen Stücken geben?


Olegg Vynnyk: Ich arbeite daran, aber es wird noch ein bisschen dauern. Musikalisch wird es in Richtung rockiger Pop gehen. Aber solange ich die Texte noch nicht auf deutsch fertig habe, sondern nur auf russisch, möchte ich davon nichts veröffentlichen. Die Texte sind mir sehr wichtig. Wenn ich komponiere, schreibe ich das Lied und habe eine Vision, wovon das Lied handelt; manchmal habe ich schon einen Titel.


Michaela Flint: Seit Jean Valjean kennt man Ihren Namen in Musicaldeutschland. Aber wie sind Sie überhaupt zum Musical gekommen?


Olegg Vynnyk: Angefangen hat alles bei John Lehman. Bei einer allgemeinen Audition in den Stella Studios habe ich ihn kennen gelernt und er hat mir angeboten, mit mir an meiner Stimme zu arbeiten. Als ich zu singen begann, war ich eher ein Bass-Bariton. John Lehman hat aus mir einen Tenor gemacht. Ich werde ihm das ganze Leben dankbar sein, dass er diese Stimme aus mir hervorgeholt hat.
Innerhalb von sechs Monaten erreichte ich das hohe C und John Lehman überzeugte mich, bei der Tournee von „Kiss me, Kate“ die Rolle des Lucencio zu übernehmen, um mich stimmlich auszutoben. Im Jahr danach habe ich für den „Glöckner von Notre Dame“ vorgesungen und war dort erst im Ensemble und dann Cover von Phoebus und Clopin. Kurz danach war ich bei „Titanic“ im Ensemble, bevor ich als Jean Valjean engagiert wurde.


Michaela Flint: Mit Jean Valjean und dem Tod haben Sie zwei sehr anspruchsvolle und unter Ihren Kollegen beliebte Rollen übernommen. Welche anderen Rollen reizen Sie?


Olegg Vynnyk: Früher habe ich mir oft gewünscht Jekyll&Hyde zu spielen, aber ich würde nicht sagen, dass das meine Traumrolle ist. Jesus Christ Superstar ist eine tolle Rolle, die ich gern mal spielen würde. Und auch Graf von Krolock ist eine spannende Figur. Allerdings müsste ich dafür in einen echten Sarg klettern und bei dem Gedanken schüttelt es mich.


Michaela Flint: Mit Ihrer Interpretation von Jean Valjean haben Sie Publikum und Kritiker gleichermaßen überzeugt. Wie sieht das beim Tod aus?


Olegg Vynnyk: Bei „Elisabeth“ gab es auch negative Stimmen, zum Beispiel. zu meinem Bühnen-Make-Up. Ich mag Kritik, aber sie muss sachlich bleiben. Vergleiche mit Kollegen sind nicht gut, denn Künstler sind Individualisten. Es gibt bei jedem Darsteller klare Bilder, keiner kopiert den anderen – das wäre künstlerisch total uninteressant.


Michaela Flint: „Elisabeth“ gehört zu den Musicals, die über einen ziemlich großen Fankreis verfügen. Welche Rolle spielen Fans für Ihre Arbeit?


Olegg Vynnyk: Fans gehören dazu – sowohl zu meinem Job als auch zu meinem Leben. Ohne Fans kann es überhaupt nicht funktionieren, egal ob sie nun im Publikum sitzen oder mir Briefe schreiben. Zum Beispiel habe ich einen Brief von einem Mädchen bekommen, das geschrieben hat, dass sie genau weiß, was sie werden will, seitdem sie mich auf der Bühne gesehen hat. Darüber habe ich mich riesig gefreut.
Einer der Jungen, die den kleinen Rudolf in „Elisabeth“ spielen, hat mir ein Bild gemalt und mir gesagt, dass er auch Darsteller werden möchte. In solchen Momenten weiß ich, dass ich nicht nur einen wunderschönen Beruf habe, sondern auch auf meine Leistung ein wenig stolz sein darf. Und wer weiß – vielleicht erzählt eines dieser Kinder irgendwann, dass es wegen mir Musical-Darsteller geworden ist.


Michaela Flint: Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Spaß als Tod im Apollo Theater und bedanken uns für dieses offene Gespräch.


Michaela Flint

veröffentlicht in blickpunkt musical

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