PATRICK STANKE

2003

 
 

Michaela Flint: Sie spielen seit 8 Monaten die Rolle des Heizers Frederick Barrett in »Titanic«. Wollten Sie schon immer Musical-Darsteller werden?


Patrick Stanke: Eigentlich fing es schon in der Schule an. Da habe ich entdeckt, dass Musik mir Spaß macht und die übliche Sängerkarriere gemacht: Schulband, eigene Band, E-Gitarre, Klavier…
Mit Musicals richtig angefangen habe ich am Tic-Theater in Wuppertal, wo ich dreieinhalb Jahre viel gespielt habe. Zum Beispiel in »Blutsbrüder«, »It’s Showtime« - einer Musical-Revue, »Café Mitte« – dem Nachfolger von »Linie 1«.
In dieser Zeit habe ich auch eine Ausbildung als Chemikant gemacht – meine Eltern wollten eben, dass ich etwas Bodenständiges lerne.

Michaela Flint: Und wie ging es nach der „Alibi“-Ausbildung weiter? Sie wussten doch sicherlich schon, dass Sie Ihr Berufsleben nicht in einem Labor verbringen würden…

Patrick Stanke: Der Theaterdirektor vom Tic-Theater hat mich angesprochen, ob ich nicht an einer Musical-Schule vorsingen wolle. Er hat den Kontakt zur Bayerischen Theaterakademie „August Everding“ in München hergestellt, wo ich auch tatsächlich vorgesungen habe. Ich bin direkt genommen worden. Das ist eigentlich eher unüblich, denn Musical-Darsteller singen sonst an sehr vielen Schulen vor, bevor sie irgendwo aufgenommen werden. Aber ich habe irgendwie immer Glück. Vielleicht sitzt auf meiner Schulter ein kleiner Glückspilz…


Michaela Flint: Die Ausbildung ist aber noch nicht abgeschlossen, oder?


Patrick Stanke: Nein, die Ausbildung dauert vier Jahre und in meinem zweiten Jahr habe ich für »Titanic« vorgesungen, weil ich für das dritte Jahr ein Praktikum brauchte. Ich war zu der Zeit im Ensemble von »La Bohème« bei den Bregenzer Festspielen und bin zum Vorsingen nach

Vom Chemikanten zum Heizer auf der Musicalbühne

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Stuttgart geflogen. Als ich ein paar Wochen später zu den so genannten „Finals“ in Hamburg ankam, wäre ich am liebsten gleich wieder abgereist! Die anderen Darsteller, die für die Rolle des Frederick Barrett eingeladen wurden, waren allesamt gestandene Musical-Größen mit viel Erfahrung und ich hatte mir da so gar keine Chancen ausgerechnet.


Ich wurde in einen Raum geführt, in dem sich gerade einer dieser „Stars“ – Namen tun hier nichts zur Sache – vorbereitete. Er musste den Raum dann für mich – einen kleinen Studenten – räumen und fragte nur noch: „Wer ist Patrick Stanke?“


Michaela Flint: Wie war diese entscheidende Audition für Sie? Viel Erfahrung hatten Sie auf diesem Gebiet ja noch nicht sammeln können.


Patrick Stanke: Das ganze hat lange gedauert und war richtig harte Arbeit. Es war sehr interessant und ich habe wirklich viel gelernt. Spannend war vor allem, dass man unter Druck zeigen musste, in wie vielen verschiedenen Facetten man die Rolle des Heizers spielen konnte.


Michaela Flint: Wann wurde Ihnen dann die endgültige Entscheidung über die Erstbesetzung des Heizers mitgeteilt?


Patrick Stanke: Der Anruf kam als ich schon wieder zurück in Österreich war und einer Bekannten gerade eine Gesangs-stunde gab. Da war ich natürlich erstmal sprachlos!
Eigentlich war das alles ganz anders geplant. Ich musste erstmal mit der Schule sprechen, ob man dieses Engagement als Praktikumsjahr anrechnen kann. Zum Glück ging das und jetzt habe ich parallel zu »Titanic« noch Unterricht, unter anderem in Gesang.


Michaela Flint: Nachdem das Organisatorische geklärt war, wie haben Sie sich auf die Rolle des Heizers Barrett vorbereitet?


Patrick Stanke: Da ich bei »La Bohème« als Tänzer im Ensemble war, hatte ich viel Zeit, mich vorzubereiten. Mit dem Musikalischen Leiter der Bayrischen Theaterakademie Phillip Tilitson und meinem Gesangslehrer Bruce Earnest habe ich mich musikalisch darauf vorbereitet und mir das Repertoire angeeignet. Ganz bewusst habe ich mich nicht auf eine spezielle Spielweise festgelegt. Ich wollte mir die Detailarbeit aufheben, um während der Proben auf die Anforderungen des Regisseurs und der künstlerischen Leitung eingehen zu können.


Michaela Flint: Jetzt sind Sie ja schon fast ein Jahr in Hamburg. Stellt sich da so etwas wie ein Alltag ein? Wird neben der Vorstellung am Abend noch viel geprobt?


Patrick Stanke: Dadurch, dass wir Darsteller abends arbeiten, gännen wir uns den Luxus und schlafen morgens etwas länger. Nach einem gesunden Frühstück und meinem täglichen Training im Fitness-Studio gehe ich gern am Hafen oder an der Alster spazieren, um Frischluft zu tanken. Seit ich in Hamburg bin, esse ich zum Mittag besondern gern Fisch oder Sushi. Nachmittags geht’s dann in die Neue Flora zum Einsingen. Eine halbe Stunde vor der Vorstellung gehe ich dann in die Maske zum Schminken und Umziehen…

Einige denken, dass es langweilig werden könnte, wenn man ein Stück so oft spielt. Dem ist aber nicht so: Es wird eher immer schwieriger als leichter sich täglich neu auf die Gegebenheiten einzustellen. Ich habe immer noch vor jeder Vorstellung Lampenfieber! Aber man lernt, es einzuschätzen. Die Ernsthaftigkeit, mit der bei einer Ensuite-Produktion gearbeitet wird, zollt mir nach wie vor viel Respekt ab.


Michaela Flint: Gibt es im Vergleich zu den kleineren Theatern, in denen Sie gespielt haben, Vor- oder Nachteile an einer großen Ensuite-Produktion wie »Titanic«?


Patrick Stanke: Von Vorteil ist natürlich, dass die Öffentlichkeitsarbeit viel ausgeprägter ist. Dadurch werden viel mehr Menschen auf die eigene Arbeit aufmerksam. Außerdem fühlt man sich bei einer Ensuite-Produktion sicherer, denn man bekommt für eine längere Zeit einen festen Vertrag.

Der Nachteil ist, dass hier alles viel zu groß und dadurch eher unpersönlich ist. Das Tic-Theater in Wuppertal war eine Art Kellertheater mit 80 Sitzplätzen und die Zuschauer in der ersten Reihe haben wirklich mit den Knien an der Bühne gesessen. Und genau das macht für mich Theater aus! Man hat direkten Kontakt zu seinem Publikum!
Hier ist alles so riesig, so glamourös! Es gibt ganz viele Eindrücke, die ich bis heute noch nicht richtig verarbeitet habe. Zum Beispiel habe ich die große Liza Minelli bei der Premiere auf die Wange geküsst – das war schon etwas sehr Besonderes und hat mich tief beeindruckt.

Aber ich merke von Vorstellung zu Vorstellung, dass ich lerne, damit umzugehen, dass das Publikum so weit weg ist. Irgendwann weiß man, wie man es greifen kann, es zu sich holt und mit den Knien an die Bühne setzt!


Michaela Flint: Wie problematisch ist die immense Technik bei »Titanic« – die ist doch sicher nicht ganz ungefährlich?


Patrick Stanke: Wir spielen heute schon die 256. Show und bis vor zwei Tagen hatten wir – toi, toi, toi – keinen einzigen technischen Fehler. Der allererste war wirklich am 27.07.: Die gesamte Bühnentechnik ist ausgefallen und wir haben eine konzertante Version aufgeführt. Für mich war das eine ganz neue Erfahrung!


Michaela Flint: Wie muss man sich die konzertante Aufführung eines Musicals vorstellen, bei dem die Technik eine so bedeutende Rolle spielt wie bei »Titanic«?


Patrick Stanke: Es war sehr schwierig! Normalerweise haben wir Darsteller für jeden Satz und jedes Wort unterstützende Bewegungen oder Requisiten, aber das entfällt bei einer konzertanten Aufführung komplett.
Besonders schwer war es in der Funkraum-Szene, wo ich als Barrett meiner Freundin in England einen Heiratsantrag mache. Am Schluss der Szene sagt der Funker Bride „Nachricht angekommen“ und hält mir normalerweise zur Bestätigung seinen Kopfhörer hin. Aber ganz ohne Kulissen und Requisiten war das schon eine sehr seltsame Situation.
Der Vorteil an einer solchen „Panne“ ist natürlich, dass man gesanglich und schauspielerisch mehr von sich zeigen kann.

Michaela Flint: Haben Sie in Ihrer Ausbildung einen besonderen Schwerpunkt auf Gesang gelegt?

Patrick Stanke: Nein, das geht gar nicht. In der Schule wird Schauspiel, Tanz und Gesang parallel gelehrt. Zeitweise hatte ich sogar mehr Tanz- und Schauspielstunden als Gesangsunterricht. Gerade in der Bayerischen Theaterakademie ist das natürlich klasse, denn die Schule ist direkt an das Prinzregentheater angeschlossen und die Schüler können das Gelernte gleich auf einer großen Bühne umsetzen. Aber Singen ist für mich eines der wichtigsten Dinge im Leben. Ich singe immer und überall! Damit hat alles angefangen und heute erschrecke ich manchmal, weil mir immer bewusster wird, dass ich jetzt tatsächlich Sänger bin!


Michaela Flint: Mit Ihrer gefühlvollen Interpretation des Heizers haben Sie in kürzester Zeit die Herzen des Publikums erobert. Was bedeutet es für Sie, der meist-fotografierte und -interviewte Darsteller dieser Produktion zu sein? Sie stehen noch ganz am Anfang Ihrer Karriere, da könnte man mutmaßen, dass es nicht so leicht ist, plötzlich ein Musical-Star zu sein und von Fans umringt zu werden.


Patrick Stanke: Es gibt schon Tage, da brauche ich eine halbe Stunde, bis ich durch das Fan-Spalier zum Bühnen-Eingang komme. Aber daran gewöhnt man sich und ich komme einfach etwas eher, damit ich mehr Zeit für die Fans habe. Heute habe ich zum Beispiel schöne Blumen und ein Portrait bekommen.
Ich mag diese Atmosphäre, denn ich bin Sänger und ich freue mich sehr, dass mir die Stage Holding soviel Vertrauen schenkt – direkt von der Schule eine große Rolle zu übernehmen und diese dann auch gleich in acht Shows pro Woche spielen zu dürfen.


Michaela Flint: Was machen Sie mit den vielen Fangeschenken: Teddys, Bilder, Briefe usw.?


Patrick Stanke: Viele Geschenke sind natürlich hier im Theater in meiner Garderobe. Alles, was hier keinen Platz findet, wird in meinem ehemaligen Kinderzimmer bei meinen Eltern aufbewahrt.
Es ist schön, dass ich meinen Eltern zeigen kann, dass ich es geschafft habe. Denn ich war ja immer der Revoluzzer, der wilde Sänger - und Gesang war aus ihrer Sicht nicht wirklich etwas Sicheres…


Michaela Flint: »Titanic« gehört in wenigen Wochen zur deutschen Musical-Gesichte. Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass das Stück vom Publikum nicht angenommen wird?


Patrick Stanke: Ich finde nicht, dass die Show vom Publikum nicht angenommen wird. Es gibt Tage, da komme ich beim Schluss-Applaus auf die Bühne und es ist wie bei einem Rockkonzert: Alle schreien und kreischen und es fliegen viele Teddybären auf die Bühne…
»Titanic« ist eine grandiose Show mit hervorragend gecasteten Darstellerinnen und Darstellern.
Aus rechnerischer Sicht ist es in Ordnung, ein Stück abzusetzen, wenn man feststellt, dass es nicht das einspielt, was sich die Stage Holding ausgerechnet hatte. Künstlerisch ist das sicherlich keine sehr feine Angelegenheit. Aber Theater war eben noch nie etwas Sicheres; schon früher sind die Gaukler durch die Städte gezogen und haben gehofft, den einen oder anderen Zuschauer zu finden … Und bei den heutigen Theaterdimensionen muss ein Musical-Betreiber rechtzeitig auf die Bremse treten, bevor wirklich große Einbußen entstehen.


Michaela Flint: Gibt es etwas, was Sie von »Titanic« „mitnehmen“ - irgendwelche Erinnerungen, mehr oder weniger lustige Pannen?


Patrick Stanke: In den letzten zwölf Monaten habe ich sehr viele nette Menschen kennen gelernt. Ich freue mich schon sehr darauf, sie in anderen Produktionen wieder zu treffen. Auch die ganze Erfahrung, die ich hier sammeln durfte, nehme ich mit. Als „echtes“ Erinnerungsstück hätte ich am liebsten eine meiner Heizer-Schaufeln…

Natürlich habe ich auch manchmal Fehler gemacht… Zum Beispiel habe ich mich schon während meines Urlaubs so verrückt gemacht, was passiert, wenn ich meinen Text vergesse, dass ich ihn prompt in der ersten Vorstellung nach dem Urlaub vergessen habe. Da musste ich dann improvisieren, aber ich konnte die Szene zum Glück noch retten.

Die Anekdote der Anekdoten ist, dass ich bei meinem ersten großen Engagement einen besonders guten Eindruck machen wollte und nicht kreidebleich bei der Probe erscheinen wollte. Also bin ich vorher häufiger ins Sonnenstudio gegangen. Das Ergebnis war, dass ich die Heizer-Szene bei den ersten Proben mit einem krebsroten, sonnenverbrannten Oberkörper spielen musste. Das hat natürlich sehr zur Belustigung meiner Kollegen beigetragen…

Michaela Flint: Die spannendste Frage zum Schluss: Was kommt nach »Titanic«? Einige »Titanic«-Darsteller haben ihre Nachfolge-Engagements schon in der Tasche; bei Ihnen hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Sie zu »Aida« nach Essen gehen. Gibt es inzwischen ein konkretes Engagement?

Patrick Stanke: Ja, gestern habe ich unterschrieben: Ich gehe als alternierender Radames zu »Aida«.
Der Zeitplan ist sehr eng, denn am 04. Oktober spiele ich in der Neuen Flora die letzte »Titanic«-Show, am 05. schaue ich mir die »Aida« -Premiere an, am 06. ziehe ich um und am 07. fange ich an, in Essen zu proben. Die Premiere in meiner neuen Rolle werde ich voraussichtlich am 01. November haben.


Michaela Flint: Was passiert mit Ihrer Ausbildung? Verschieben Sie den Abschluss - jetzt, wo Sie solch ein attraktives Folge-Engagement haben?


Patrick Stanke: Nein, ich habe mit der Theaterakademie vereinbart, dass ich im Januar 2004 zurückkomme, um mein Abschlussprojekt - eine One-Man-Show – zu machen. Die Diplomarbeit muss und werde ich neben meinem Engagement bei »Aida« machen. Es wird ein hartes Jahr, aber ich habe mir den Abschluss dieser Ausbildung fest als Ziel gesetzt. Ich möchte diese Schule als Diplom-Musical-Darsteller verlassen!!!


Michaela Flint: Herr Stanke, wir danken Ihnen für dieses offene Gespräch und wünschen Ihnen bereits jetzt viel Erfolg für Ihr Engagement in Essen und Ihre Diplomarbeit!


Mehr Informationen unter www.patrickstanke.de

Michaela Flint

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