REINFRIED SCHIESSLER

2005

 
 

Der Regisseur von „Camelot“ in Bad Hersfeld und „Bonifatius“ in Fulda stand blickpunkt musical am Mittag nach der Premiere Rede und Antwort.


Michaela Flint: Was genau meinen Sie, wenn Sie im Festspieljournal sagen „Camelot ist anders!“?


Reinfried Schießler: „Camelot“ ist ein typisches Dialog-Musical. Darauf muss man sich erst einmal einlassen, da die Hör- und Sehgewohnheiten bei Musicals ganz anders sind. Das macht auf der einen Seite den Reiz von „Camelot“ aus, ist aber auf der anderen Seite auch die Schwierigkeit. Als Zuschauer wird man hier nicht ‚bedient’, sondern man muss aufmerksam dabei bleiben.
Hinzu kommt, dass „Camelot“ ein Musical mit großem Inhalt ist und nicht eines von diesen sinnentleerten Stücken, die zurzeit recht häufig gespielt werden.


Michaela Flint: Es gibt unglaublich viele Inszenierungen von der König Arthur Sage. Wie haben Sie sich als Regisseur auf dieses umfassende Thema vorbereitet?


Reinfried Schießler: Auf der einen Seite gibt es die ‚historische’ Geschichte der Figur von König Arthur, die man sich ansieht.

Regisseur Reinfried Schießler über historische Musicalstoffe

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Aber das wichtigste ist es, sich das Skript anzusehen und zu schauen, was an Material vorhanden ist. Dann muss man diese überbordende Form in den Griff bekommen. Die Verlagsfassung dauert 3 Std. 15 Min. Da muss man dann genau schauen, was ist dramaturgisch wichtig, was kann man herausnehmen, was muss man herausnehmen. Zum Glück hatten wir bei „Camelot“ die Freiheit, viele Dinge zu ändern, solange wir die Grundhandlung beibehielten.


Michaela Flint: In Bad Hersfeld steht eine sehr gemischte Cast aus musicalerfahrenen Darstellern und Laien wie dem Chorverein Bad Hersfeld auf der Bühne. Ist es besonders schwierig, die unterschiedlichen Kenntnisse unter einen Hut zu bekommen?


Reinfried Schießler: Speziell der Chorverein wird gesondert einstudiert und wurde nur für die finalen Proben mit dem restlichen Ensemble zusammengesetzt. Für unsere Choreographin war die Arbeit wesentlich härter, da sie den Laien Bewegungsabläufe beibringen musste, die sie so noch nicht kannten.
Es war uns sehr wichtig, dass wir die Rollen mit Sängern besetzten, die auch schauspielerisch sehr gut sind, da das Stück ansonsten nicht funktionieren würde.


Michaela Flint: Wie lief die Zusammenarbeit mit Yngve Gasoy-Romdal und Co. ab? Ist es ein Vorteil, wenn man sich aus früheren Produktionen kennt?


Reinfried Schießler: Ich würde sagen, dass es weder hilft noch hemmt, wenn man sich von früher kennt. Bei Yngve Gasoy-Romdal ist es ganz speziell so, dass er sich immer 100 %ig auf eine Sache einlässt und dann auch den letzten Millimeter herausholt. Mit solch einem Schauspieler zu arbeiten ist wunderbar, da wir uns gegenseitig mit unseren Ideen befruchten.


Michaela Flint: Stellt eine Open Air Inszenierung eine besondere Herausforderung dar?


Reinfried Schießler: Vom Ablauf her ist es das gleiche wie eine Inhouse-Produktion. Man kann hier jedoch auf keinen Fall gegen die Ruine inszenieren. Es ist ein allgegenwärtiger, toller Raum, in den man nur bedingt Kulissen hineinstellen kann. Beispielsweise die Tribüne, die wir für das Ritterturnier einsetzen, ist enorm groß und fast 6 m hoch, aber auf der großen Bühnen verschwindet sie fast schon und fällt nicht mehr so stark auf, wie wenn man als Mensch direkt daneben steht.
Problematisch ist, dass wir Lichtproben beispielsweise nur in der Nacht machen konnten. In den letzten Wochen saßen wir oft bei einstelligen Plusgraden bis morgens um 5 Uhr in der Ruine. Man kann sich soviel anziehen wie man will, die Kälte kriecht überall durch.


Michaela Flint: Zum Schluss: Warum sollten sich die Zuschauer „Camelot“ in Bad Hersfeld anschauen?


Reinfried Schießler: Weil man mit einem Musical, das im Mittelalter spielt und in einer mittelalterlichen Ruine aufgeführt wird, einfach das perfekte Zusammenspiel erleben kann. Darüber hinaus bin ich davon überzeugt, ohne übertreiben zu wollen, dass wir Protagonisten haben, die vielleicht woanders nicht so gut sind.


Michaela Flint

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