RENT

2013

 
 

Die neugegründete Produktionsfirma „Avenue A productions“ hat es sich zum Ziel gesetzt, kleinere und unabhängige Musical-Produktionen, in Hamburg auf die Bühne zu bringen. Dass der Firmenname nicht von Ungefähr kommt, zeigt schon das erste Stück, das das Team um Urs Affolter und Sebastian Rousseau auf die Bühne des Gruenspans bringt: Das Tony Award dekorierte Musical „Rent“ aus der Feder von Jonathan Larson bildet den Auftakt zu einer Reihe von Musicalschätzen, die in New York und London Weltruhm erlangt haben, es aber in Deutschland mehr als schwer hatten, weil sie eben nicht bunt, fröhlich und massenkompatibel sind.


Kenner der Hamburger Musikszene kratzen sich sicherlich verwundert am Kopf: Der Rock-Club Gruenspan als Musical-Location? Oh ja, das funktioniert. Schon beim Try-Out von „Sherlock Holmes 2.0“ im August 2013 zeigte das Gruenspan seine Qualitäten als Spielstätte für kleine Musicals, denen eine intime Umgebung sehr gut zu Gesicht steht.

Der perfekte Startschuss für Hamburgs Off-Musicalszene

http://vg09.met.vgwort.de/na/d8e35759cd4c472c8c4282041d413e23

Auch „Rent“, die im New York Ende des letzten Jahrhunderts angesiedelte Handlung, seine acht Hauptfiguren mit ihren Problemen rund um Liebe, Drogen, AIDS und die titelgebende Wohnungsnot sind alles andere Mainstream. Dennoch oder gerade deshalb zählt „Rent“ mit mehr als 5.000 Vorstellungen zu den erfolgreichsten Broadway-Musicals.


Nach Düsseldorf 1999 und Wiesbaden 2007-2009 bekommen die Zuschauer in Hamburg die neuere deutsche Fassung von Wolfgang Adenberg zu hören. Wenn man jedoch eine der englischen Versionen – sei es nun die Broadway Cast oder den Soundtrack zum Film von 2006 - im Ohr hat, holpern einige deutsche Passagen doch arg. Das Wort Rent mit Geld zu übersetzen, ist inhaltlich zweifelsfrei korrekt und es passt zur Melodie des Titelsongs, und doch fühlt es sich befremdlich an, das Wort, das dem Stück seinen Namen verdankt, in der Show nicht einmal zu hören. Doch ein deutsches Publikum wünscht sich deutsche Texte und diese Hürde muss auch eine Off-Szene nehmen.


Urs Affolter inszeniert das Stück so klar, deutlich und ungeschminkt wie man es sich wünscht. Nichts lenkt von den starken Charakteren ab. Die Personenregie ist einwandfrei, jede Hauptrolle hat starke Momente und darf diese auch voll auskosten. Arnold Grevers kleidet alle Protagonisten treffend ein. Nichts stört das Bild der drogenabhängigen Mimi, der Drag Queen Angel oder des leicht spießigen Mark.


Die fünfköpfige Band unter der Leitung von Peter Koobs ist auf der rechten Bühnenhälfte platziert – eine echte Herausforderung für die Tontechnik. Um zu vermeiden, dass die volle Wucht der rockigen Sounds das Ensemble auf der Bühne übertönt, hat man Drummer Henning Brandt in einen Plexiglaskäfig verbannt. Aber es gelingt ihm und seinen Kollegen Ulrich Rohde (Gitarre), Julius Trautvetter (Keyboard) und Sebastian Behnk (Bass) dem Stück die musikalische Intensität zu verleihen, die es braucht, um seine volle Wirkung zu entfalten.


Doch am Anfang wird es ganz still im Gruenspan: Die Ouvertüre wird a-cappella vom Ensemble intoniert. Ganz pur sorgen die Sänger so für den ersten Gänsehautschauer. Als erstes lernen die Zuschauer naturgemäß Mark Cohen kennen, der als eine Art Erzähler durch die Handlung führt. Simon Mehlich spielt den unentschlossenen, frisch verlassenen Filmemacher sehr überzeugend und sympathisch. Sowohl im „Tango Maureen“ als auch bei „Living in America“ kann er zeigen, was gesanglich in ihm steckt.


Robert Meyer wurde als erfolgloser Musiker Roger gecastet. Dass was Meyer im Vergleich zu Rollen-Vorgängern an Rockröhre fehlt, macht er durch eine große emotionale Bandbreite weit. Er spielt seinen Frust über das Leben im Allgemeinen genauso ergreifend wie seine unterdrückte und doch übermächtige Liebe zu Mimi. Wenn ihm bei Angels Beerdigung die Tränen übers Gesicht laufen, ist das Publikum von dieser Gefühlstiefe sehr beeindruckt.


Mimi gewinnt Roger mit einer List für sich. Lisa Huk wickelt als Mimi Roger in der Kerzen-Szene spielend um den kleinen Finger. Drogensucht und Krankheit haben das Mädchen gezeichnet. Huk trägt diesem Verfall überzeugend Rechnung, sprüht in den richtigen Momenten vor Energie und lässt es stimmlich an nichts vermissen.


Das zweite Paar, Angel und Collins, lernt sich nach einem Überfall auf der Straße kennen. Nicht nur Collins ist von Angels Fürsorge und Güte begeistert. Sebastian Rousseau spielt die AIDS-kranke und dennoch lebensbejahende Drag Queen ergreifend, sorgt für Lacher und viele Damen im Publikum zollen ihm ob seines artistischen Könnens auf High Heels („Today for you, tomorrow for me“) sicherlich Respekt.

Gerd Achilles spielt den desillusionierten MIT-Absolventen Tom Collins. Dass Collins ein wesentliches Bindeglied der Gruppe ist, fließt immer wieder in seine liebevollen Gestiken ein. Man glaube Achilles sofort, dass Collins ein herzensguter Mensch ist, der für Angel unendlich tief empfindet. „Ich deck Dich zu“ (zunächst im Duett mit Rousseau, dann auf Angels Beerdigung solo) gehört auch in dieser Inszenierung zu den schönsten und traurigsten Momenten.


Die Performance-Künstlerin Maureen wird abwechselnd von Dörthe Thiel und Dorothea Maria Müller gespielt. Beide Darstellerinnen haben sichtlich Spaß daran, das Publikum mit der „Fliegenden Kuh“ zum Muhen zu animieren (was im übrigen einwandfrei klappt). Ihre Interpretationen unterscheiden sich in Nuancen. Beide werden der kraftvollen, raumgreifenden, sexy provozierenden Maureen mehr als gerecht.

Als Maureens Freundin Joanne steht Stefanie Derner auf der Gruenspan-Bühne. Dass in der Blondine jede Menge Kraft steckt, erlebt man nicht nur in ihrem Duett mit Maureen „Lass mich oder verlass mich“ eindrucksvoll, sondern auch in ihren Soli während „Seasons of Love“. Sie gibt eine wundervoll gestresste, überperfekte Anwältin, die auch noch das Leben ihrer Partnerin auf die Reihe kriegen will.


Einzig Benny, gespielt von Johannes Braun, bleibt in dieser Inszenierung verglichen mit den übrigen Protagonisten etwas blass. Er wirkt weder bedrohlich noch besonders zielstrebig. Vielmehr steht seine gute Seite im Fokus, die in anderen Produktionen fast untergeht.


Das „Rent“ kein buntes Spaßprogramm ist, spürt man während der Szene in der Selbsthilfegruppe bis in die letzte Fingerspitze. Das Ensemble spielt beklemmend authentisch.

„Du fehlst mir / Without you“ ist ein weiteres Beispiel dafür, dass weniger manchmal mehr ist. Während vorn rechts auf der Bühne Collins an Angels Sterbebett wacht, singt sich Mimi ihre Trauer und Verlustängste auf der Galerie von der Seele, während vorn links ein sehr verloren wirkender Roger leidet. Im Hintergrund wird per Videoprojektion ein Goldfisch eingeblendet, der nahezu auf dem Trockenen vor sich hinzappelt.

So viele Emotionen muss das Publikum erst einmal verarbeiten.


Diese Inszenierung besticht durch ihre puren Gefühle. Jeder Darsteller geht zu 100 % in seiner Rolle auf. Hinzu kommt, dass Band und Ensemble nahezu perfekt aufeinander abgestimmt sind. Nur in wenigen Momenten übertönt die Band die leisen Einsätze der Solisten. So wird jeder Zuschauer erreicht und es gibt – glaubt man den stehenden Ovationen - niemanden, der nicht restlos von „Rent“ begeistert ist.


Ja, es ist schwere Kost, die beileibe nicht in mundgerechten Häppchen serviert wird, sondern brutal und direkt. Aber genau das wollte Jonathan Larson mit seinem Stück bewirken: Das Leben ist eben nicht nur rosarot und fröhlich, sondern hat Schattenseiten, die gezeigt werden müssen.


Man kann Avenue A Productions nur wünschen, dass es nicht bei „Rent“ bleibt, sondern dass auf diesem Niveau noch weitere Produktionen folgen und man so den ersten Grundstein zu einer echten Fringe-Szene in Deutschland legt. Diese ist seit langem mehr als überfällig.

Michaela Flint

gekürzt erschienen in musicals - Das Musicalmagazin