SEBASTIAN ROUSSEAU

2014

 
 

Michaela Flint: Wie kam es zu der Idee, eine Off-Szene in Hamburg ins Leben zu rufen?


Sebastian Rousseau: Schon bevor ich 2012 nach Berlin ging, um dort zum ersten Mal Angel in „Rent“ zu spielen. wollte ich eine eigene Produktion machen. Etwas kleines, feines. Die Idee war immer präsent, aber irgendwie hatte es sich nie ergeben, der Zeitpunkt war einfach noch nicht gekommen. Als ich aus Berlin zurückkam, war für mich klar, dass wir „Rent“ auf eine Hamburger Bühne bringen würden. Dann spielte das Schicksal auch noch mit und alles ging irgendwie von selbst.


Michaela Flint: Es gab schon einige Versuche, eine Off-Szene in Deutschland zu etablieren – leider ohne Erfolg. War der Standort Hamburg klar, weil es eben der Musicalstandort in Deutschland ist?


Sebastian Rousseau: Stimmt, bisher hat es in Deutschland noch nicht funktioniert. Aber ich glaube einfach auch, dass die Zeit noch nicht reif war. Es mag auch an der nicht ganz gelungenen Stückauswahl gelegen haben. Für mich war es eine bewusste Entscheidung, das hier in Hamburg zu machen. Ausgelöst wurde das Ganze durch Anthony Kent, Korrepetitor beim „König der Löwen“, der während meiner Ausbildung mein Dozent für Musicalgeschichte war.

Das deutsche Publikum ist bereit für Off-Musicals!

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Er hat sich damals schon darüber gewundert, dass es hier in Deutschland nur Glamour- und Disneymusicals gibt. Dabei gibt es in Amerika so viele verschiedene Stilrichtungen und Verzweigungen im Musicalbereich. Er hat dies immer sehr bedauert.


Da Hamburg als drittgrößter Musicalstandort nach New York und London beworben wird, habe ich mich gefragt, was die beiden Städte haben, was Hamburg nicht hat und das ist ein Off-Bereich, in dem Shows gezeigt werden, in denen es  eben nicht um ein Happy End geht oder wo sich Darsteller nicht als Affen oder Kätzchen verkleiden, sondern echte Menschen auf der Bühne stehen, die eine Geschichte zu erzählen haben. So kam das Ganze ins Rollen.


Hamburg hat einen lange gewachsenen Musicalmarkt und viele Touristen – wo sonst, wenn nicht hier? Es ist zwar sicherlich nichts für die Bustouristen, die die seichte Unterhaltung suchen. Dennoch ist es eine Koexistenz – wir als Off-Szene können nicht ohne die On-Szene existieren und ich hoffe, dass es irgendwann so kommt, dass es auch andersherum so ist. Daran wollen wir jetzt arbeiten.


Michaela Flint: Wieso haben Sie sich gerade für „Rent“ entschieden?


Sebastian Rousseau: Meine Kollegen (von Avenue A Productions, Anm. d. Red.) und ich haben das gemeinsam entschieden. Vor genau einem Jahr haben wir mit befreundeten Darsteller-Kollegen hier einen kleinen Workshop gemacht. Wir haben ganz blank und pur, nur von einer Gitarre begleitet, ein paar „Rent“-Songs gesungen. Es war ein ganz toller Abend. Nach diesem Abend hatten wir auch das Gruenspan-Team voll überzeugt.


Für mich persönlich gab es ohnehin keine andere Alternative. „Rent“ ist keine Show, die für jedermann gemacht ist. Das Stück ist schon sehr speziell. Einige finden es toll, andere eher anstrengend, u. a. auch wegen der Musik. Das deutsche Publikum ist es nicht gewohnt, dass man aufpassen muss, um die Geschichte zu verstehen. Wir erklären eben nicht alles dreimal. „Rent“ ist Theater, wo man aufmerksam sein soll und zuhören muss.


Michaela Flint: Warum haben Sie sich das Gruenspan, einen anerkannten Rockclub, als Spielstätte ausgesucht?


Sebastian Rousseau: Das ist eine ganz witzige Geschichte. Wir haben bei Urs Affolter, dem Regisseur, am Kaffeetisch eine Liste geschrieben, welche Locations in Hamburg für unsere Produktion in Betracht kommen. Zufällig stand das Gruenspan ganz oben. Das war dann auch die erste Location, die ich angerufen habe. Erstmal waren sie natürlich nicht so begeistert, weil das Gruenspan ja ein Rockclub ist. Einen Tag später waren wir hier zur Besichtigung und wussten sofort, dass wir uns nichts anderes mehr anschauen brauchen.


Michaela Flint: Ist es denn geplant, das Gruenspan als dauerhafte Spielstätte für Off-Musicals zu etablieren?


Sebastian Rousseau: Geplant ist auf dem Papier ganz viel, aber bisher steht nichts fest. Ich würde es auf keinen Fall ausschließen, da das Gruenspan einfach ein ganz toller Laden ist.


Michaela Flint: Wie lief der Produktionsprozess ab? Wir haben Sie Ihr Ensemble gefunden?


Sebastian Rousseau: Wir haben die Rollen ganz normal ausgeschrieben und es haben sich über 400 Kollegen beworben. Wir waren echt beeindruckt. Aber wir haben jede Bewerbung in Ruhe gesichtet. Wir wollten keine Massenaudition machen, bei der 150 Darsteller im Schnellverfahren angesehen und beurteilt werden. Als Darsteller erlebe ich das ja immer wieder. Man agiert wie ein Roboter, läuft durch diese Maschinerie und für Dich als Menschen interessiert sich da niemand wirklich.


Wir haben uns ausführlich über alle Darsteller informiert und in einer ersten Castingwoche ca. 100 Kolleginnen und Kollegen eingeladen. In der zweiten und dritten Runde haben wir dann viel mit den Bewerbern geredet, da es uns sehr wichtig war, dass jeder weiß, worauf er sich einlässt. „Off“ bedeutet eben auch, dass es hier kalt ist, dass es keine Einzelgarderoben gibt und dass man auch mal ein Kostümteil zum Waschen mit nach Haus nimmt.

Um solch ein Projekt zu verwirklichen, braucht man einfach Menschen, die da Lust zu haben und mit uns an einem Strang ziehen.


Michaela Flint: Sie haben viele Rollen doppelt besetzt...


Sebastian Rousseau: Der Hauptgedanke dahinter war, dass wir den Darstellern gerade nicht soviel Gage zahlen können, dass sie davon leben können, Deshalb war es uns wichtig, dass sie auch andere Engagements annehmen können, mit denen sie dann ihren Lebensunterhalt bestreiten. Das war natürlich ein riesiges Planungsgeflecht und Organisationschaos, aber wir haben es inzwischen sehr gut im Griff.


Michaela Flint: Sie haben als Teil des Produktionsteams und Darsteller mehrere Hüte auf – war das eine besondere Herausforderung für Sie?


Sebastian Rousseau: Ich hatte da ganz ganz großen Respekt vor. Wir haben auch intern sehr viel darüber gesprochen. Während der Proben war es sehr anstrengend, weil ich nach den Proben immer noch die Aufgaben erledigt habe, die für die Produktionsfirma anfielen. Das war eine richtige Doppelbelastung. Jetzt wo wir spielen, muss ich sagen, dass ich ein tolles Team um mich herum habe, die mir aber 16/17 Uhr den Rücken freihalten. Es klappt einfach super.


Michaela Flint: War es von vornherein klar, dass Sie das Stück auf deutsch aufführen?


Sebastian Rousseau: Ja. Wir sind gerade erst an einem Punkt, an dem Hamburg für eine Off-Szene bereit ist. Ich glaube aber, dass die Deutschen leider noch nicht dazu bereit sind, sich ein Stück auf englisch anzuschauen. Das wird ganz sicher kommen, aber das dauert noch ein bis zwei Generationen.


Für uns als Darsteller ist es reine Gewohnheitssache. Es gab ja die Idee einer neuen deutschen Fassung, aber leider hat der Verlag in New York das nicht für erforderlich erachtet. deshalb spielen wir die Fassung von Wolfgang Adenberg.


Michaela Flint: Sie spielen Angel sehr einfühlsam – was gefällt Ihnen an dieser Figur?


Sebastian Rousseau: In der Musicalausbildung habe ich die DVD gesehen und bin immer an „Rent“ hängengeblieben. Ich wusste damals schon, dass Angel eine Rolle ist, die ich wahnsinnig gern spielen würde. Natürlich habe ich dann sehr schnell mitbekommen, dass das Stück hier in Deutschland sehr selten gespielt wurde und meine Chancen entsprechend gering waren, diese Rolle zu spielen. Bis dann letztes Jahr die Rolle für Berlin ausgeschrieben war. Ich habe mich sofort beworben und bin tausend Tode gestorben, weil ich die Rolle so sehr wollte. In der Audition habe ich richtig gekämpft und dann direkt während der Audition die Zusage bekommen. Damit ging ein Traum für mich in Erfüllung.


Angel hat mich schon immer fasziniert, vielleicht weil wir uns so ähnlich sind, weil viel Angel in mir liegt und viel von mir in Angel, so wie ich ihn darstelle. Ich kann ihn und seine Entscheidungen sehr gut nachvollziehen. Ich verstehe ihn einfach und habe einen guten Zugang zu der Rolle. Angel ist wie für mich gemacht.


Michaela Flint: Was kommt nach „Rent“?


Sebastian Rousseau: Auch jetzt während der Produktion beschäftigen wir uns mit neuen Stücken. Ich habe eine lange Liste zu Hause liegen, auf der viele kleine Off-Musicals draufstehen. Entschieden ist bisher aber noch gar nichts.

Für mich ist es wichtig, dass es kribbelt, wenn ich die Musik höre oder ein Buch lese. Wenn nicht wird das Stück ganz konsequent aus der Auswahl gestrichen.


Michaela Flint: Was wünschen Sie sich – für Avenue A Productions und sich selbst?


Sebastian Rousseau: Ich wünsche mir, dass die Zuschauer Musical verstehen lernen. Dass sie den Mut und die Kraft haben, sich von dem jahrzehntelangen Musicalbild zu lösen, dass hier in Deutschland vorherrscht. Ich wünsche mir, dass das Publikum neugierig ist und Neuem eine Chance gibt. Niemandem muss alles gefallen, das wäre ja auch schrecklich. Aber wenn man nicht mehr am Alten festhält und sich für Neues öffnet, gibt es eine Chance für eine echte Off-Szene.


Ich bin da guter Dinge. Wir sehen abends beim Schlussapplaus immer viele Leute, die total berührt sind, Herzen mit ihren Händen formen, Peace-Zeichen zeigen. Wir bekommen viele tolle Mails und Facebook-Nachrichten. Das ist sehr berührend.

Wir kriegen diese Stimmung ja auch während der Show mit. Es war ja auch ganz bewusst gewollt, dass die Grenzen zwischen Darstellern auf der Bühne und den Menschen im Zuschauerraum verschwimmen.


Es wäre schön, wenn „Rent“ weiterlaufen würde - nicht ununterbrochen, es könnte auch gut im Herbst wiederkommen. Mein Traum wäre, wenn wir einen kleinen Kult schaffen könnten. Wenn jeder weiß, „Rent“ läuft einmal im Jahr für 15 Shows, das wäre toll.


Michaela Flint: Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen Ihnen und Avenue A Productions weiterhin viel Erfolg bei der Schaffung einer richtigen Off-Musical-Szene.

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