SHADOWLESS

2003

 
 

Aber neben neu inszenierten „alten“ Stücken und nur auf Kommerz ausgelegten Popmusicals birgt London auch ein großes Potential an neuen Musicals, die in so genannten Showcases in Off West End Theatern einem kleinen Publikum präsentiert werden. Ein solche „Test-Aufführung“ fand Mitte April für »Shadowless«, dem neuesten Werk von Jungkomponist Alexander S. Bermange, im Bridewell Theatre statt.


Die Handlung basiert auf „Peter Schlemihl’s wundersame Geschichte“ von Adelbert von Chamisso und erzählt in einer Rückblende die Geschichte von dem armen Jungen Peter, der dem Teufel in Gestalt des „Grauen Mannes“ seinen Schatten für eine nie versiegende Geldbörse verkauft. Peter ist ein gutmütiger, wohltätiger junger Mann und in seinem Umfeld sehr beliebt, bis dort realisiert wird, dass er keinen Schatten hat. Er kann sich jetzt zwar alles kaufen, ist aber nicht mehr gesellschafts-fähig. Sobald man seine Schattenlosigkeit bemerkt, wird er gemieden oder verhöhnt. So wird er immer wieder zum Außenseiter und muss sich woanders eine neue Existenz aufbauen. Er verliebt sich in die

Frischer Wind im Fringe Theatre

hinreißende Julia und die Vorbereitungen für die Hochzeit laufen auf Hochtouren. Peter möchte verhindern, dass ihn sein Schicksal erneut einholt und sucht den „Grauen Mann“, um seinen Schatten wieder von ihm zurückzufordern. Wohlstand und Anerkennung sind ihm egal, wenn er nur die Frau seines Herzens behalten kann. Doch für den Vater von Julia ist ein Schatten nicht nur ein Schatten, sondern gehört unbedingt zu dem Menschen dazu, der ihre Tochter glücklich machen soll. Trotz dieses Unglücks geht Peter nicht auf das Angebot des „Grauen Mannes“ ein, ihm die Seele für den Schatten zu überschreiben. Er verliert seine Julia und scheint daran fast zu zerbrechen. Jahre später blickt er auf die Entscheidungen seines Lebens zurück als plötzlich Julia vor ihm steht und die beiden die Gelegenheit bekommen, sich endlich auszusprechen.


Alexander S. Bermange hat diese mysteriöse romantische Geschichte stimmungsvoll und abwechslungsreich intoniert; die Texte sind pointiert und mit viel Liebe zum Detail ausgearbeitet. Das Publikum hatte seine wahre Freude an der guten Besetzung dieses Showcase – vor allem an Michael Cormick, der als „Grauer Mann“ stimmliche Akzente setzte, die unter die Haut gingen, und die Figur des Teufels bedrohlich und verführerisch zugleich gestaltete. James Gillan überzeugte als zurückhaltender und empfindsamer „Peter“, spielte die Rolle mit dem erforderlichen Einfühlungsvermögen und war den anspruchsvollen Kompositionen in jeder Szene gewachsen.


Das deutsche Publikum bekommt einen kleinen Eindruck von »Shadowless« auf Felix Martins aktueller Maxi-CD. Dort interpretiert er mit „Pages of my life“ und „Threshold of her heart“ zwei entscheidende Stücke aus diesem Werk auf die ihm eigene unvergleichliche Weise.


Nach diesem erfolgreichen Test kann man sich für das West End nur wünschen, dass sich mutige Produzenten und Investoren finden, die diese und ähnliche Stücke auf eine größere Bühne bringen. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus guter Musik und anspruchsvoller Story, die zum Denken anregt und die dem West End helfen kann, wieder mehr Zuschauer anzulocken. Denn auf Dauer kann sich kein Theatermacher mit ABBA-Revivals oder mutwilligen Modernisierungen mit der Brechstange (wie kürzlich bei »Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat« geschehen) über Wasser halten. Und auch die drei einzigen verbliebenen Long-Run-Musicals »Les Misérables« (18 Jahre), »Das Phantom der Oper« (17 Jahre) und »Blood Brothers« (15 Jahre) werden das West End nicht retten können.


Michaela Flint

veröffentlicht in blickpunkt musical
Ausgabe 04/03, Juli-August 2003

http://vg04.met.vgwort.de/na/a6811e61fa8c44e8aeb01267532e69f6