STEPHAN KUNO

2008

 
 

Wenn am 14. Juni die ersten Premierennoten der Ouvertüre zu Alain Boublil und Claude-Michel Schönbergs Musical-Hit „Les Misérables“ durch Bad Hersfeld klingen, haben zahllose Künstler schon fast ein Jahr Vorbereitung in den Knochen. Dazu gehört auch Stephan Kuno, der für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet. Der Quereinsteiger als Bühnenbildner hat schon vieles in seinem Leben ausprobiert: „Ich war Kfz-Mechaniker und Dachdecker und habe 1983 für die Schauspielausbildung in Berlin einige Kulissen gebaut.“ Zum Theater als darstellender Künstler kam Kuno durch einen großen Zufall: „Für die anstehende Helmut Stauss Tournee hatte man vergessen, eine Rolle zu besetzen. Ich weiß nicht warum, aber man fragte mich, ob ich die Rolle, sie war ja auch nur sehr klein, spielen wolle und ich entschloss mich kurzerhand, mein Leben auf den Kopf zu stellen und nahm das Angebot an.“


Es folgten zahlreiche Theater- und TV-Rollen. Aber Kuno hat es auch immer wieder in den Backstage-Bereich gezogen: „Ich habe häufiger mal als Bühnentechniker gearbeitet, aber damals noch selten als Bühnenbildner. Erst für die „Rocky Horror Show“ 1995 in Bad Hersfeld habe ich angefangen, auch Kulissen zu bauen und konnte meine Kenntnisse über Special Effects einbringen.“ Seitdem ist Kuno Bad Hersfeld treu geblieben.


Bis zum Ende der Intendanz von Volker Lechtenbrink 1998 war er der

Wie bringt man Barrikaden in eine Stiftsruine?

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Technische Leiter aller Produktionen und blieb auch während der Intendanz von Peter Lotschak in dieser Position. „Ich habe danach zwar nicht mehr fest für die Festspiele gearbeitet, sondern gemeinsam mit einem Partner Messen und Events ausgestattet, aber da ich meine große Liebe in Bad Hersfeld gefunden habe, ist hier jetzt mein Lebensmittelpunkt. Als dann der Technische Leiter nach der Saison 2005/2006 ging, wurde ich erneut gefragt, ob ich diese Position übernehmen wolle.“ Obwohl er durch verschiedene TV-Engangements gut ausgelastet war, sagte Kuno zu und machte sich seit letzten Sommer Gedanken über die Umsetzung von „Les Misérables“ in der Stiftsruine.


Die Herausforderung ist nicht zu verachten: „Wir haben 1400 m² einsehbare Bühnenfläche, keine Seitenbühne, auf der wir etwas lagern könnten und ein Tor mit nur 2,50 Breite und 3,50 Höhe. Für Großkulissen also gänzlich ungeeignet. Da mussten wir uns einiges einfallen lassen, um die Barrikaden transportabel und flexibel zu gestalten.“ Zum Glück besteht Produzent Cameron Mackintosh nicht mehr auf einer Drehbühne bei „Les Misérables“, dennoch musste Kuno den Verantwortlichen in London seine genaue Bühnenkonzeption vorlegen. „Wir werden viel mit Licht arbeiten und die einzelnen Spielflächen auf der Bühne verteilen. Durch die entsprechende Beleuchtung sind auf diese Weise nahtlose Szenenwechsel möglich.“ Der Aufgabe mit den eindrucksvollen, üblicherweise szenen- und bühnenfüllenden Barrikaden stellte sich Kuno mit viel Kreativität: „Wir haben ein Untergestell auf Schienen entwickelt, auf dem verschiedene Materialien, wie Räder, Stuhle, Bretter, Türen usw., im Laufe des Stücks gestapelt werden. Diese Materialien habe ich in ganz Deutschland zusammengesammelt. Ich habe in Zeitungen inseriert und man wundert sich, was für Schätze in manchen Scheunen schlummern. Gerade in den Neuen Bundesländern konnten wir viele authentische Gegenstände finden, die auf alten Höfen oder Heimatvereinen ihr Dasein fristeten.“ Darüber hinaus konnte sich Kuno auf die Unterstützung der Einwohner der kleinen Stadt in der Mitte Deutschlands verlassen: „Die Bad Hersfelder lieben ihre Festspiele und helfen sehr gern.“


Neben den unabdingbar flexiblen Kulissen setzt „Les Misérables“ auch personell neue Maßstäbe: „Es werden über 100 Personen auf der Bühne stehen. Darunter viele Statisten. Da muss technisch einfach alles perfekt sein, damit es nicht zu Zwischenfällen kommt.“ Ein solcher ungeplanter Zwischenfall ereignete sich Ende März. Wenige Tage nachdem das Zeltdach über dem Zuschauerraum aufgestellt war, gab es einen Wintereinbruch. Der ungewöhnliche starke Schneefall zwang die Konstruktion in die Knie. Als ob man mit der parallelen Vorbereitung von vier Festspielstücken nicht schon genug zu tun hätte… „Zum Glück ist niemand verletzt worden. Die Proben fangen ja erst am 8. Mai an. Und dafür haben wir eine ganze Fabriketage gemietet, so dass wir hier alles in Ruhe reparieren und für die verschiedenen Stücke vorbereiten können.“

Nach diesen beeindruckenden Schilderungen bleibt uns nur noch, allen Beteiligten viel Erfolg zu wünschen. Wir sind gespannt, wie sich das Studentendrama in die Naturkulisse der Stiftsruine einfügen wird. Doch bei soviel Erfahrung auf technischer und kreativer Seite braucht man sich eigentlich keine Sorgen zu machen.


Michaela Flint

veröffentlicht in blickpunkt musical

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