TANZ DER VAMPIRE

2003/2004

 
 

Um es gleich vorweg zu nehmen: »Der König der Löwen« und »Mamma Mia!« haben seit 7. Dezember eine ebenbürtige Konkurrenz in der Hansestadt. Wenn jemand den beiden erfolgreichen Großproduktionen das Wasser reichen kann, dann ist es Roman Polanskis »Tanz der Vampire«.


Nur neun Wochen hatte das Team um den Technischen Leiter Dennis Krauß Zeit, das Bühnenbild aus Stuttgart für Hamburg zu adaptieren. Die besondere Herausforderung bestand darin, die Großkulissen, die auf eine schmale, sehr tiefe Bühne ausgelegt waren, dergestalt umzuarbeiten, dass sie auf der Hauptbühne der Neuen Flora, die keinerlei Stauraum im hinteren Bühnenbereich vorsieht, Platz finden. Auch der Einbau der ehemals zwölf Meter hohen Wendeltreppe im gräflichen Ballsaal bedurfte einiger Tricks und Kniffe.

 

Doch der Aufwand hat sich gelohnt: Das Premierenpublikum honorierte diverse Bühnenbilder mit aufbrausendem Szenenapplaus. Besonders beeindruckt waren die Zuschauer von der Friedhofsszene, in der die

Fulminanter Einstand der Vampire in der Neuen Flora Hamburg

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Vampire zahllosen Gräbern entsteigen. Auch die Ahnengalerie im Vampirschloss, wo Graf von Krolock der Versuchung Sarah zu beißen kaum widerstehen kann, wurde mit viel Beifall bedacht.


Die Technikabteilung hat sich noch eine weitere Neuigkeit einfallen lassen, um die Besucher direkt in das Geschehen einzubinden: Das winterliche Transsylvanien wird im Theatersaal durch „echten“ Schnee greifbar. Alle Gäste, die in Reihe 13 saßen, mussten sich nach dem ersten Akt den Schnee von den Schultern klopfen, den ein Schneesturm über ihren Köpfen durchs Theater wirbelte. Auch für alle zukünftigen Zuschauer gilt: Ziehen Sie sich warm an! Denn dies war kein einmaliger Premieren-Gag, sondern ist Bestandteil jeder Vorstellung!

Oscar®-Gewinner Roman Polanski hat es sich nicht nehmen lassen, bei der Hamburger Musical-Produktion seines weltbekannten Hollywood-Klassikers „The Fearless Vampire Killers“ (1967) höchstpersönlich Regie zu führen. Im zur Seite stand ein Team, dass sich schon bei der Wiener und der Stuttgarter Inszenierung einen Namen gemacht hat: Michael Reed als Musical Supervisor und Dennis Callahan als Choreograph haben genauso langjährige Erfahrung mit Graf von Krolocks Vampiren wie William Dudley, der bereits für Wien und Stuttgart das Bühnenbild designte.

 

Nicht nur bei den Kreativen setzte die Stage Holding auf eine Menge Erfahrung. Von insgesamt 47 Darstellern haben bereits 15 in einer anderen »Tanz der Vampire«-Produktion mitgewirkt. Dies hat einerseits den Vorteil, dass die großen Tanz- und Gesangsnummern nahezu perfekt sind, andererseits fehlt es an der ein oder anderen Stelle an Frische und Schwung. Vielleicht liegt es gerade hieran, dass die Zuschauer nicht so gefesselt sind wie in Stuttgart? Es ist aber auch durchaus vorstellbar, dass die Sound Designer die typischen Akustikprobleme in der Neuen Flora von vorn herein ausschließen wollte und ihre Arbeit etwas zu gründlich gemacht haben…


Jim Steinmans Kompositionen sind mitreißend und animieren zum Mittanzen. Gesanglich und tänzerisch werden die rockigen Stücke hervorragend transportiert. Das Buch von Michael Kunze sorgt für heitere wie mitfühlende Momente. Ganz besonders sticht der Wortwitz hervor, mit dem Prof. Abronsius (Werner Bauer) sein Umfeld immer wieder zum Lachen bringt. Die anspruchsvollen Texte, die zudem in einem atemberaubenden Tempo vorgetragen, zollen den Besuchern höchsten Respekt ab. Werner Bauer liefert eine solide Interpretation des schusseligen Vampirjägers. Auch wenn seine Version lange nicht so witzig ist, wie die von Jens Janke in Stuttgart, so hat er doch die Lacher auf seiner Seite.


Als sein Assistent Alfred steht der Schwede Fredrik Wickerts auf der Bühne. Die Erfahrung mit der Rolle (aus Stuttgart) und der zusätzliche Phonetik-Unterricht machen sich bezahlt: Nahezu akzentfrei singt er sich mit seiner gefühlvollen Stimme in die Herzen des Publikums. Sein sensibel vorgetragenes Solo „Für Sarah“ rührt die Besucher zu Tränen. Auch in der allerletzten Reihe kommt an, dass der scheue Alfred alles geben würde, um das Herz der hübschen Sarah zu gewinnen. Fredrik Wickerts’ sanfte und zugleich kraftvolle Stimme prägt sich nachhaltig ein und macht seine Auftritte zu den bemerkenswertesten des Abends.


Das Objekt der Liebe Alfreds und der Begierde des Vampirgrafen, die junge Wirtstochter Sarah, wird von Jessica Kessler überzeugend unschuldig und doch wissbegierig dargestellt. Ihre helle, klare Stimme wirkt frisch und unverbraucht. Zu Beginn des Stücks ist sie noch naiv und unglücklich, doch sie wandelt sich zu einer wunderbar bösen und gierigen Vampir-Lady. Sowohl stimmlich als auch optisch geben Jessica Kessler und Fredrik Wickerts alias Sarah und Alfred ein perfektes Paar ab. Dass die junge Duisburgerin etwas ganz Besonderes ist, meint auch »Les Misérables«-Star Uwe Kröger: „Jessica ist die beste Sarah, die ich je gesehen habe!“

 

Rebecca und Chagal, die Eltern von Sarah, werden von Jan Merchant und Jerzy Jeszke dargestellt. Jan Merchant meistert die Gratwanderung von der brüskierten Wirtsfrau zur liebenden und trauernden Witwe mit Bravour. Ihre wenigen Gesangszeilen offenbaren eine warme, mitfühlende Stimme, die man aufgrund der ansonsten recht dominant angelegten Rolle nicht erwarten würde.


Der gebürtige Pole Jerzy Jeszke kehrt in der Rolle des untreuen Wirts Chagal auf eine ihm wohl vertraute Bühne zurück: Schon als Phantom der Oper begeisterte er das Hamburger Publikum! Mit viel Witz und Originalität überzeugt er als um das Wohlergehen seiner Tochter besorgter Vater genauso wie als „jüdischer Vampir“.

Der Grund für die nächtlichen Ausflüge von Chagal ist die hübsche Magda, die als Magd in seinem Wirtshaus arbeitet. Anna Thorén hat diese Rolle bereits in Stuttgart gecovert, wird ihr jedoch nicht vollends gerecht. Sie hat zwar eine laute, durchdringende Popstimme, es mangelt ihr aber in den entsprechenden Szenen an der Lüsternheit, die sie mit ihrem Text „Geil zu sein, ist komisch!“ ankündigt.


Das Verbindungsglied zwischen der Welt der Vampire und den Dorfbewohnern ist der Bucklige Koukol. Stefan Büdenbender hat diesen Part schon in Stuttgart perfektioniert und erschreckt auch in Hamburg das Publikum mit seiner schaurigen Maske und dem unsympathischen Auftreten zu Tode. Instinktiv schaut man zu Boden, wenn sich der Diener des Vampirgrafen auf einen zu bewegt – so furchterregend sieht der Künstler aus.


Die sagenumwobene Hauptfigur des Musicals ist der Vampirgraf von Krolock, der mit seinem Sohn und unzähligen Gefolgsleuten in einem düsteren Schloss wohnt. Thomas Borchert, der zugunsten dieser Rolle auf den Luigi Lucheni in der Wiener Jubiläumsinszenierung von »Elisabeth« verzichtete, stellt den Herrscher der Nacht erschreckend emotionslos dar. Seine volle Stimme passt perfekt zu den rockigen Melodien von Jim Steinman. Vor allem in den langsamen Passagen kommt seine stimmliche Bandbreite hervorragend zum Ausdruck. Jedoch lässt er bei „Unstillbare Gier“ die Verletzlichkeit vermissen, die beim Zuschauer Mitleid mit dem seit hunderten von Jahren vereinsamten Grafen wecken soll. Alfreds Kommentar, nachdem er den Grafen in dieser ruhigen Minute beobachtet hat (“ Sie haben Gefühle!“) wirkt bei Thomas Borcherts unterkühlter Darstellung etwas fehl am Platz.

 

Alternierend wird der Graf von Felix Martin gespielt, dessen intensive Interpretation des Fürsterzbischof Colloredo in »Mozart!« darauf hoffen lässt, dass er dem Grafen mehr Struktur verleiht.


Norbert Kohler, der sich als Grafensohn Herbert „unsterblich“ in den schüchternen Alfred verliebt, gibt den schwulen Jungvampir tuntig; karikiert diese Eigenschaft jedoch nicht, so dass seine Einsamkeit und sein Verlangen nach „Frischfleisch“ sehr glaubhaft sind. Seine schöne Stimme macht das Duett mit Fredrik Wickerts „Wenn Liebe in Dir ist“ zu einem der Highlights der Vorstellung.


Was von der Hamburger Inszenierung haften bleibt, sind – neben den sehr guten Protagonisten – vor allem die großen Tanzszenen, in den denen das Ensemble mit der eindeutigen Handschrift von Dennis Callahan über die Bühne rockt. Hier ist neben der Traumszene von Sarah „Die roten Stiefel“ vor allem das Nightmare-Solo „Carpe Noctem“ zu nennen. In diesen Szenen verkörpern die grandiosen Tänzerinnen und Tänzer den Sex, die Leidenschaft und das Geheimnisvolle, das jeden Vampir umgibt, auf eine besonders explosive und ansteckende Weise.


»Tanz der Vampire« lebt von der Dunkelheit und Mystik. Besonders die Schlosskulissen, aber auch die extravaganten Kostüme von Sue Blane und das außergewöhnliche Make-Up inkl. individuell angepasster Vampir-Eckzähne sorgen dafür, dass die Darsteller zum Fürchten aussehen.


Man kann sich vorstellen, dass es dem Ensemble einen Heidenspaß macht, jeden Abend durch den Theatersaal zu „schweben“ (tatsächlich scheinen die Vampire bei ihrem ersten Erscheinen an den Wänden und in den Gängen der Neuen Flora zu schweben) und die Zuschauer zu erschrecken. Derartige Adrenalinschübe sorgen bei den sonst so unterkühlten Nordlichtern dafür, dass sie den Kultcharakter dieses Grusicals schon jetzt verstehen. Auch das Premierenpublikum feierte die Vampire frenetisch mit minutenlangen Standing Ovations. Mehr als 130.000 verkaufte Tickets – und dies bereits vor der Premiere – deuten darauf hin, dass nach zwei schwierigen Jahren endlich wieder eine Erfolgsproduktion in die Neue Flora eingezogen ist.

Michaela Flint
veröffentlicht in blickpunkt musical